Pizza, Pasta, Gelati & Amore (Woche 4)

22.06.2022:

Nach zwei Tagen Ausspannen am Gardasee hat es mit Faulenzen dann auch gereicht. Es wurde Zeit, dass ich wieder aufbreche und die Alpen in Angriff nehme.
Allerdings muss ich zugeben, ich war ganz schön kaputt. So richtig merke ich dies immer erst, wenn ich angekommen bin und eine Pause einlege. Vorher fahre ich immer weiter, mache mein Ding und konzentriere mich auf das Erreichen meines Ziels. Da kann mein Körper sehr lange funktionieren und Leistung erbringen, das hat schon was von einer Maschine. Wobei ich mittlerweile gelernt habe, auf meinen Körper und seine Bedürfnisse zu hören. Ihm vor allem das zu geben, was er benötigt. Das ist in erster Linie Energie, Inform von Kalorien und ganz viel Flüssigkeit. Genau das habe ich früher jahrelang nicht getan, da habe ich ihn, durch den Entzug dessen, fast ruiniert. Mich fast zu Tode gehungert, ihn mit Essen vollgestopft, bis es wieder herauskam oder ihn selbst verletzt. Es grenzt an ein Wunder, zu welchen Leistungen mein Körper heute fähig ist, wie er sich erholt hat und das keine Folgeschäden zurückgeblieben sind. Dafür bin ich heute unendlich dankbar, wo ich früher alles daran gesetzt habe, ihn zu zerstören. Dabei war mein Körper nur meine Projektionsfläche für ganz andere Probleme und Schwierigkeiten, welche ich hatte.

Heute scheint auch nicht jeden Tag die Sonne und oftmals habe ich noch schwierige Phasen. Mittlerweile weiß ich allerdings sehr gut um meine Ressourcen und Fähigkeiten. Vor allem vertraue ich diesen oder besser gesagt, ich vertraue mir selbst. Diese ganzen Wörter mit Selbst- am Anfang, sind so wichtig und leider so schwer zu erlernen.

Mein Weg durch Italien ist das Ziel einer langen Reise, welche von vielen Rückschlägen, Rückfällen und Schwierigkeiten gepflastert war. Es war ein langer und harter Weg, der mich letzten Endes zu mir selbst und nach Italien geführt hat. Zu dem, was ich möchte und zu dem, wer ich bin.
Deshalb war ich voller Vorfreude meine Reise, nach der Erholung am Gardasee, fortzusetzen. Besonders, weil jetzt die Alpen auf dem Programm standen. Auf diese hatte ich mich besonders gefreut, war ich doch noch nie mit dem Mountainbike dort. Bis jetzt habe ich die Alpen immer nur mit dem Rennrad befahren. Mit dem Mountainbike würde es nochmal etwas völlig anderes und neues geben.

Komischerweise fiel mir das Aufbrechen heute Morgen sehr schwer und hatte auch nicht besonders gut geschlafen die letzte Nacht. Ich war sehr mit mir und meiner Vergangenheit beschäftigt, mit Dingen die mal waren und jetzt nicht mehr so sind. Das Ganze lag sehr an dem Ort Riva del Garda, er war der Auslöser für mein struggeln. Denn dort war ich vor 10 Jahren schon einmal in Urlaub gewesen und er hat viele Erinnerungen in mir wach gerufen. Seitdem ist so unglaublich viel passiert und hat sich in meinem Leben verändert. Heute kamen allerdings viele der negativen Dinge in mir hoch, welche seitdem geschehen sind. Vor allem Menschen, Beziehungen und Freundschaften, welche ich verloren oder sich verändert haben. An vielem bin ich absolut nicht unschuldig, da ich nicht immer der einfachste Mensch bin. Andere Dinge sind blöd gelaufen und bei einigen weiß ich gar nicht wirklich, was der Grund ist, warum es heute so ist wie es ist.

Mit der Zeit besserte sich heute meine Laune und die negativen Gedanken und Gefühle ließen nach. Ich hatte mich wieder mehr auf das Jetzt und Hier konzentriert, auf die fantastische Landschaft und herrliche Natur.
Heute ging es wieder nur nach oben und klettern war angesagt. Leider tat ich das heute die meiste Zeit im Regen. In den Bergen und Tälern hing zudem dicker Nebel. Durchdrang ich diesen mal, zogen am Himmel graue Regenwolken vorüber und von Sonnenschein war heute keine Spur. Auch die Temperaturen hatten sich mehr wie halbiert und es war ziemlich lausig.

Trotzdem oder gerade deswegen hatten die Berge heute ihren besonderen Charme und Reiz für mich. Durch den Nebel und den Regen war der Track nicht einfach zu befahren. Vor allem auf die vielen nassen Wurzeln musste ich aufpassen, damit ich mit meinem schwer beladenen Fahrrad nicht stürze. Einige Passagen musste ich schieben, was allerdings gar nicht so schlimm war, dadurch konnte ich die ganze Stimmung in den Bergen, noch viel besser aufnehmen. Diese Weite, Höhe und Gewaltigkeit der Berge ließ mich ein paar Mal schlucken und erkennen, wie klein und unbedeutend ich dagegen bin.
Heute war emotional ein harter Tag und auch die fast 3.000 Höhenmeter waren kein Zuckerschlecken.
Allerdings auch solche gehören zum Bikepacken und vor allem zum Leben. Deshalb ist es wichtig, sich gerade dann etwas Gutes zu tun und was zu gönnen. Das tat ich heute in Form eines Hotelzimmers. Mein Zelt bei diesem Wetter und diesen Bedingungen aufzubauen, dazu hatte ich absolut keine Lust. Morgen würde alles klamm und nass sein und ich könnte zusehen, wie ich alles trocken bekomme. Ich wollte ein Bett, eine heiße Dusche und einen geschützten Raum, nach so einem harten Tag. Der harte Bikepacker kann ich auch morgen wieder sein, heute darf ich auch mal „schwach“ sein.

23.06 – 24.06.2022:

Mir am Mittwoch ein Hotelzimmer zu nehmen, war eine weise Entscheidung. Nachdem ich am Morgen das Hotel verlassen hatte, noch den Rest hoch zum Pass gefahren bin, gab es erst einmal eine Abfahrt von 15 Kilometern. Dieses bei Regen, Nebel und einer nassen Straße zu tun, ist die Hölle.
Bei einem Marathon bin ich mal 5 Stunden in einem Alpen Gewitter gefahren. Das war eine äußerst harte Erfahrung und muss ich nicht nochmal haben.
Da war die Abfahrt heute Morgen, bei schönstem Sonnenschein, doch wesentlich angenehmer. Unten im Tal warteten schon fast 30ig Grad auf mich und ich könnte mir erst einmal ein Frühstück. 
Danach ging es noch etliche Kilometer flach durch das Tal, von dem ich leider nicht den Namen weiß, wodurch die ersten 30 Kilometer schnell gesammelt waren.
Dann war allerdings Schluss mit Lustig. Mit dem Passo del Tonale und dem Passo Gavia standen zwei richtige Brecher auf meiner Liste. Der erste Pass führte mich bis auf 1884 Metern, wo es einen Retorten Skiort gab. Nicht wirklich hübsch anzusehen. Allerdings konnte ich dort etwas zu Mittag essen und einkaufen. Anschließend ging es wieder bis auf ungefähr 1300 Meter runter und dann ging der Spaß richtig los.

Der Passo Gavia ist mit 2652 Metern der 6. höchste Pass der Alpen. Das hieß ungefähr 1400 Höhenmeter am Stück klettern. Der untere Teil, welcher sich ähnlich wie beim Stelvio über Serpentinen durch einen Wald schlängelt, ist recht steil. Wenn ich ehrlich bin, war das ganze Ding hure steil für mich. Mit meinem 25 kg Fahrrad und fast 50.000 Höhenmeter aus den letzten 4 Wochen in den Beinen, verlangte er mir alles ab. Das eine oder andere Stück habe ich geschoben, ihn ganz hoch strampeln, war nicht mehr drin.
Aber nicht wirklich schlimm für mich, so konnte ich mich viel besser auf die grandiosen Ausblicke und die Berge um mich herum, konzentrieren. Da die Straße wegen Bauarbeiten für Autos gesperrt war, hatte ich den ganzen Anstieg für mich alleine. Ab und zu kamen mir mal ein paar andere Fahrradfahrer entgegen oder überholten mich.

Zuerst gab es aber mal was Kaltes zu trinken und einen Cappuccino, bevor ich mich an die Abfahrt machte. Der Track der Albrecht Route geht nicht direkt runter nach Borino. Da es sich aber völlig zugezogen hatte und sich schwarze Wolken auftürmten, entschied ich mich direkt abzufahren und nicht dem Track zu folgen. Für den späten Nachmittag waren Gewitter gemeldet und da wollte ich nicht unbedingt hineingeraten. Allerdings erkaufte ich diese schnelle Abfahrt mit etlichen Zusatzkilometern und wohl auch Höhenmetern. Es war mir allerdings lieber mich unten im Tal aufzuhalten, wenn der Regen losging, wie auf irgendeiner Mountainbike Piste auf 2000 Metern.
Lange ließ der Regen nicht auf sich warten und auch an diesem Abend landete ich im Hotel. 
Am nächsten Morgen herrschte schönster Sonnenschein, wobei die Temperaturen nur bei 12 Grad lagen. Da hieß es doch echt mal eine Jacke anzuziehen. 
Nachdem ich ein paar Kilometer geradelt und 400 Höhenmeter überwunden hatte, war ich wieder auf dem Track.

Dieser führte auf einem Waldweg zum Passo Torri di Fraele auf 1940 Metern, vorbei an einer alten Burg und danach zu einem großen Bergsee. Dort nutzte ich die Gelegenheit zum Frühstücken, bevor ich weiter radelte. Danach wurde die Landschaft immer wilder und einsamer. Mein Weg führte mich vorbei an zwei großen Stauseen, dem Lago di Cancano und des Lago di San Giacomo, es gab wunderschöne Schotterpisten und anspruchsvolle Singletrails. Dies alles auf über 2000 Metern und die Bergspitzen zum Greifen nahe.
Nach meiner Abfahrt ins Tal befand ich mich in der Schweiz, am Beginn des Umbrail Passes. Hier war ich vor einigen Jahren schon einmal gewesen. Damals war ich von Glurns gestartet, um auf den Stelvio zu radeln und bin über den Umbrail abgefahren. 
Heute führte mich mein Weg wieder das gleiche Tal hinunter, allerdings erwartet mich dann erst die Herausforderung des Tages. Ich musste noch über die Sesvenna Hütte, wie der Pass heißt, weiß ich gar nicht. Was am Anfang noch ganz nett begann, endete zum Schluss im völligem Bike & Hike. Ich kann mich nicht erinnern, mein Fahrrad jemals einen so steilen Weg hinauf geschoben zu haben. Da half auch der spektakuläre Wasserfall nicht viel, um mein Leiden erträglicher zu gestalten. Nachdem ich oben angekommen war, fing es an zu regnen und ich konnte meine Regensachen auspacken.
Na ja, dachte ich, jetzt geht es wenigstens nach unten. Das ging es auch, allerdings sollte ich auch davon das Meiste schiebend zurücklegen.

Ich habe ja schon einige krasse Dinge mit dem Fahrrad veranstaltet und verrückte Wege befahren. Aber diese Abfahrt schafft es locker in meine Top 3.
Sie ging durch eine Klamm nach unten, war einfach an der Seite in den Fels gesprengt, hure steil und fast immer ohne Geländer. Hier musste man absolut schwindelfrei und trittsicher sein, sonst ging es 100 Meter nach unten.
Nachdem ich diesen krassen Abschnitt des Tracks hinter mich gebracht hatte und endlich mal auf meinen Fahrrad abfahren konnte, kamen mir auf dem schmalen Weg auch noch 6 Kühe entgegen. Was für eine Aktion bis wir aneinander vorbei waren. 
Danach wurde der Weg zu einem Wirtschaftsweg und ich konnte es endlich mal Rollen lassen. Leider hatte auch der Regen zugenommen und unten im Tal war ich durch nass. So suchte ich mir wieder ein Zimmer und es war wieder nichts mit zelten. Abends habe ich wirklich immer Pech mit dem Wetter hier in den Alpen.

„Es ist das, was du daraus machst“

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