Eine Reise auf der Route der Rosinenbomber!

Dienstag: (05.04.2022)

Nach einer längeren Pause gab es in diesem Jahr wieder eine Ausgabe des Candy B. Gravellers. Anfang April ist natürlich noch früh im Jahr, um in die Bikepacking Session einzusteigen. Da ist die Form noch nicht die Beste und das Wetter wird zum Glücksspiel. Um es direkt vorweg zu nehmen, das Spiel mit dem Wetter habe ich verloren. Es war kalt, nass, sehr windig und vor allem matschig. Dazu aber später mehr.
Der Track des Candy B. folgt der Strecke, welche die sogenannten Rosinenbomber 1948/49 geflogen sind, um West-Berlin während der Berlin Blockade mit Lebensmitteln zu versorgen. Getreu diesem Vorbild, galt es für jeden Teilnehmer, ebenfalls ein Carepaket nach Berlin zu transportieren. Dieses bestand in Form von Spielzeug, welches dem Kinderprojekt Arche in Berlin gespendet werden sollte.
Im Jahr 2017 hatte ich den Track des Candy schon einmal befahren. Damals allerdings in sehr schlechter physischer und vor allem psychischer Verfassung. Nach fast 10 Jahre Stabilität, bin ich damals wieder völlig in die Essstörung abgerutscht. Auch meine anderen Dämonen und Diagnosen waren zu dieser Zeit sehr präsent und bestimmten mein Leben, sodass ich mich zu einem weiteren Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik entschied.

Der gefürchtete Anstieg durch den Weinberg

Bedauerlicherweise sind die Wartezeiten für einen solchen Aufenthalt sehr lange, weil es einfach viel zu wenig spezialisierte Klinikplätze in Deutschland gibt. Zu dieser Zeit war ich schon arbeitsunfähig geschrieben, weil mich mein damaliger Job völlig überforderte und es auch viel zu gefährlich war, meinem Beruf nachzugehen.
Um nicht ganz in der Bulimie und der Magersucht zu versinken, packte ich damals mein Fahrrad, fuhr mit dem Zug nach Frankfurt und begab mich auf den Track des Candy B. Gravellers. Aus heutiger Sicht eine völlig wahnwitzige Idee, die selbst ich heute nur schwer nachzuvollziehen kann. Damals war sie wohl Ausdruck meiner völligen Verzweiflung und dem Mangel an Alternativen, wie ich die Wartezeit überbrücken könnte. Auch der Wunsch, einfach wegzulaufen und nochmal frei zu sein, bevor es wieder wochenlang in die Klinik geht, haben wohl mitgespielt.
Deshalb war meine Teilnahme am Candy 2022, nicht nur eine Reise in ein düsteres Kapitel deutscher Geschichte, sondern auch eine Reise in meine eigene sehr unschöne Vergangenheit.
Wahrscheinlich fiel mir deshalb, das Packen meines Fahrrades, die Planung meiner An- und Abreise, so schwer. Selten habe ich vor einer Teilnahme an einem Bikepackingevent so gehadert und war mir meiner Sache dermaßen unsicher, wie in den letzten beiden Wochen vor dem Start.
Denn von den Grunddaten zählt der Candy eher zu den einfacheren Events, welcher auch sehr gut für Einsteiger geeignet ist. Die Entfernung beträgt 650 Kilometer und es müssen ungefähr 7000 Hm überwunden werden. Der Track ist flowig zu befahren, weil er aus breiten Schotterwegen, viel Waldautobahn und asphaltierten Radwegen besteht. Zudem gab es in diesem Jahr noch das Konzept, dass es feste Camps am Ende jeden Tages gab. Dort bestand die Möglichkeit zum Einkaufen, es waren sanitäre Anlagen vorhanden und wer wollte, konnte sein Zelt dort aufbauen. So wirklich Unsupported war die ganze Veranstaltung dadurch natürlich nicht. Durch das Konzept aber super geeignet, um in die Bikepackingwelt mal reinzuschnuppern, da es immer einen Anlaufpunkt und eine Rückfallebene gab für die Teilnehmer gab.
Mein Plan bestand allerdings von Anfang an darin, Unsupported zu fahren und nicht die Camps zu nutzen. Darüber hinaus wollte ich spätestens am Freitag in Berlin sein, weil ich dort verabredet war und nicht erst zur Velo Berlin am Samstag einzutreffen.
Neben meiner Reise in meine eigene Vergangenheit, würde ansonsten das Wetter die größte Challenge werden. Dies ließ sich schon im Vorfeld schon erahnen, so wie die Wetteraussichten gemeldet waren.

So kam es, dass ich trotz meiner Zweifel, meinem ganzen Hin und Her was Packen und Planung betraf, pünktlich um 11:00 Uhr am Terminal 4 einrollte. Dort waren schon jede Menge Bikepacker mit ihren Fahrrädern versammelt. Viele bekannte Gesichter gab es zu entdecken und zu begrüßen. Auch viele Menschen, welche ich nur aus den sozialen Medien oder vom E-Mail Kontakt her kannte. Nachdem die obligatorischen Anmeldeformalitäten erledigt, es noch eine kleine Ansprache des Veranstalters Gunnar Fehlau gab, ging es Richtung Luftbrückendenkmal.
Das Luftbrückendenkmal in der Nähe des Frankfurter Flughafens stellt beim Candy den Startpunkt dar und es gilt das Gegenstück in Berlin zu erreichen.
Am Luftbrückendenkmal und den historischen Rosinenbombern, welche es dort zu besichtigen gibt, wurden noch einige Gruppenfotos aufgenommen und endlich fiel der Startschuss zum Candy B. Graveller 2022.
Der Track des Candy beschreibt am Anfang einen Halbkreis, bevor er in der Nähe von Darmstadt in Richtung Berlin einschwenkt. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass die schwer beladenen Flugzeuge erst einmal an Höhe gewinnen mussten, bevor sie Kurs auf Berlin nehmen konnten. Zudem ist der Track am Anfang tellerflach, sodass wir gut vorankamen und nach 80 Kilometern war das erste Camp erreicht. Dort war für die anderen Teilnehmer schon Feierabend, es wartete der lodernde Grill und gekühlte Getränke.
Patrick und mir waren das allerdings ein paar Kilometer zu wenig für den ersten Tag. Außerdem war es noch trocken, was wir nutzen wollten, um Strecke zu machen. Nach einer kleiner Stärkung verabschiedeten wir uns und setzen unsere Fahrt fort.
Nachdem wir den Main in der Nähe von Karlstein überquert hatten, gingen auch die Höhenmeter los, da wir den Spessart erreicht hatten. Nun war ich in meinem Element. Es ging den Berg rauf und wieder runter, ähnlich wie in meiner geliebten Eifel. Einzig das Wetter verschlechterte sich zusehends. Die Wolken wurden immer dichter, die Temperaturen fielen und es setzte Nieselregen ein. Zum Glück war ich mit Patrick unterwegs, alleine sind solche Wetterbedingungen sehr zermürbend. Auch wenn geteiltes Leid immer noch scheiße ist, zu zweit ist solch ein Wetter trotzdem besser zu ertragen.

Im Spessart liegt auch der Ort Michelsbach, mit dem steilsten und gefürchtetsten Anstieg des Candys. Ich habe erst gar nicht versucht, diesen huren steilen Schotterweg durch die Weinberge hinaufzufahren, sondern fing direkt mit dem schieben an.
Nach der Klettereie durch den Spessart erreichten wir das Kinzigtal, wo es Zeit für ein warmes Abendessen wurde. Mittlerweile war der Nieselregen in richtigen Regen übergangen und eine Pause im Warmen mehr wie willkommen. Das türkische Ehepaar staunte nicht schlecht, als zwei nasse und vermatschte Bikepacker in ihren Imbiss auftauchten und sofort über das bestellte Essen herfielen. Auch ihre Neugierde hatten wir geweckt und es wurden uns allerhand Fragen gestellt. Am Anfang sind die meisten Menschen sehr irritiert bis ungläubig, wenn wir von unserer Tour erzählen. Irgendwann im Laufe des Gesprächs sieht man allerdings meistens wie es Klick macht, die Fantasie anfängt zu arbeiten, die Augen leuchten und sie die ganze Unternehmung ziemlich spannend finden.
Nachdem wir uns von dem freundlichen Ehepaar verabschiedet hatten, hieß es wieder raus in den Regen. Zum Glück folgt der Track im Kinzigtal zum größten Teil dem asphaltierten Radweg. Dadurch kamen wir schnell voran, denn es war nicht mehr weit bis zu unserem angepeilten Schlafplatz. Kurz vor Schlüchtern ging es nochmal ziemlich steil und lange den Berg hinauf, bevor wir unser Tagesziel erreicht hatten. Dort wartete eine traumhafte Hütte auf uns. Diese war sehr geräumig, an drei Seiten geschlossen und hatte einen betonierten Boden. In Bikepackerkreisen würde sie vier Sterne bekommen.
Auf meinen warmen Schlafsack und die bequeme Luftmatratze hatte ich mich schon seit Stunden gefreut. Nachdem wir noch eine Kleinigkeiten gegessen, uns umgezogen und gewaschen hatten, war ich auch in kürzester Zeit eingeschlafen.

Mittwoch: (06.04.2022)

In der Nacht wütete ein ziemlicher Sturm und es gab einiges an Regen. Am Morgen lagen die Temperaturen leider nur im mittleren einstelligen Bereich und der Wind blies immer noch kräftig. Allerdings war es nicht mehr am Regnen und auch die Sonne war schwach zu erahnen. Ganz so früh wie geplant sind wir dann doch nicht gestartet, im Schlafsack war es einfach zu gemütlich, sodass wir erst um 07:30 auf unseren Fahrrädern saßen.
Wie immer besteht das erste Ziel am Morgen darin, eine Bäckerei zu finden und das gelang uns nach zwanzig Kilometern auch.
Nachdem wir uns dort gut gestärkt hatten, ging unsere Reise weiter nach Fulda. Für großes Sightseeing hatten wir dort bedauerlicherweise keine Zeit, sodass wir nur schnell ein paar Fotos vom berühmten Fuldaer Dom machten, um weiter Richtung Rhön zu radeln. Auch diesem Mittelgebirge habe ich schon den ein oder anderen Besuch abgestattet. Besonders freute ich mich darauf, ein Stück dem Kolonnenweg zu folgen und der Gedenkstätte Point Alpha einen Besuch abzustatten. Point Alpha stellte zur Zeit des Kalten Krieges einer von vier Beobachtungsstützpunkten der Vereinigten Staaten an der hessischen innerdeutschen Grenze dar. Heute ist dort eine Mahn-, Gedenk- und Begegnungsstätte untergebracht, um an die deutsche Teilung und die vielen Opfer zu erinnern, welche diese Grenze gekostet hat.

Dort ist auch ein Streifen der originalen Grenzsicherungsanlagen der DDR zu besichtigen, was jedes Mal ein sehr beklemmendes Gefühl in mir auslöst. Welchen Wahnsinn Menschen für Ideologie oder Religion betreiben können, ist dabei nicht wirklich verständlich für mich und lässt mich immer sehr ratlos zurück.
Ganz konkret ist dies zurzeit in der Ukraine zu beobachten, wo zum Teil dieselben Protagonisten am Werk sind, wie an dieser ehemaligen deutsch deutschen Grenze.
Deshalb finde ich die Idee hinter diesem Event auch so gut und wichtig. Obwohl die Berliner Luftbrücke und die Berlin Blockade über 70 Jahre her sind, sind die Gründe, die dazu geführt haben, aktueller denn je und es ist total wichtig, die Erinnerung daran zu bewahren.
Nachdem wir Point Alpha wieder verlassen hatten, führte uns der Track über den sogenannten Kolonnenweg. Dieser wird auch als grünes Band bezeichnet und verläuft komplett entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze.
Schön zu befahren ist dieser Weg nicht, den die sogenannte Platte, über die gefahren werden muss, besteht aus großen Rasengittersteinen mit faustgroßen Löchern. Zudem folgt der Weg stur der ehemaligen Grenze, egal ob es fast senkrecht runter oder einfach steil nach oben geht. Für mich persönlich hat es nicht viel mit Radfahren zu tun, sich über die Platte zu bewegen. Dabei kenne ich sehr viele Leute, die gerade die Grenzsteintrophy lieben, wo man 1200 Kilometer über diese fahren kann. Mein Freund Patrick, mit dem ich bei diesem Event zusammen unterwegs war, hat die GST ebenfalls schon bestritten. Bei mir wird es wohl der einzige deutsche Bikepackingevent bleiben, bei dem ich nie am Start stehen werde.

Die Lochplatte
Der Kolonnenweg an der ehemaligen innerdeutschen Grenze

Nachdem wir die Platte hinter uns gelassen hatten, wurde es für den Rest des Tages flacher. Was die Landschaft anging, gab es schon mal einen Vorgeschmack auf den morgigen Tag. Da sollte unser Weg fast nur noch an Feldern und Wiesen vorbeiführen, welche höchstens von kleinen Dörfchen unterbrochen wurden, wo sich Hase und Igel Gute Nacht sagen.
Nachdem die Werra überquert war, kamen wir noch an der Brücke der deutschen Einheit vorbei und gegen Abend erreichten wir den Nationalpark Hainich. Dort fanden wir wieder eine sehr schöne Hütte, die ein bisschen an ein Hexenhäuschen erinnerte und idyllisch mitten im Wald lag. Zum Glück war die Hütte bis auf den Eingang rundherum geschlossen, was uns einen guten Schutz vor dem Wind bot, der immer noch mit Sturmstärke blies.

Das grüne Band
Brücke der Einheit

Aus unserem Plan, um 6:30 Uhr auf dem Fahrrad zu sitzen und loszuradeln, wurde auch am zweiten Morgen nichts. Geweckt wurden wir von Regen und immer noch sehr starken Wind. Deshalb drehten wir uns nochmal auf unseren Luftmatratzen rum, warteten bis das Regenband durchgezogen war und setzen dann unsere Fahrt durch den Nationalpark Hainich fort.
Nachdem wir diesen hinter uns gelassen hatten und in Ufhoven eine Bäckerei zum Frühstücken gefunden hatten, wurde es richtig zäh, was die Landschaft anging. Unser Weg führte uns fast nur noch an Feldern und Wiesen vorbei. Dabei wechselten sich grasbewachsene Feldwege mit asphaltierten Landwirtschaftswegen ab. Das Ganze, bis auf ein paar Hügel, völlig flach, sodass man schon sehen konnte, wer Morgen zum Kaffee kommt.

Donnerstag: (07.04.2022)

In so einer Gegend Fahrrad zu fahren, stellt für mich die Höchststrafe dar und ist an Langeweile und Tristesse kaum zu überbieten. Einzig der Wind, der auf dieser Tour insgesamt 600 Kilometern von hinten kam, machte die ganze Sache erträglich.
Kurz nach Mittag erreichten wir auch das dritte Candy Camp. Dort wartete schon Walter Lauter auf uns und war alles für die Teilnehmer am Vorbereiten, welche am Abend dort eintreffen würden. Die Camps waren mit viel Liebe ausgesucht und immer richtig schick. Vor allem befanden sie sich immer auf einem Flugplatz, was super zum Thema des Events passte.
Walter ist auch so ein umtriebiger Mensch, wenn es um das Thema Fahrradfahren geht und ich freute mich sehr, ihn endlich mal persönlich kennenzulernen. Geschrieben hatten wir schon des Öfteren und die Abenteuer des anderen verfolgt, aber unsere Wege hatten sich noch nie gekreuzt.
Lange hielten wir uns aber nicht am Flughafen Bad Frankenhausen auf, schließlich wollte ich morgen in Berlin sein und hing jetzt schon hinter meinem Zeitplan zurück. Zudem wurde das Wetter immer finsterer und 10 Kilometer später mussten wir uns für eine Stunde unterstellen. Es hatte dermaßen angefangen zu regnen und zu stürmen, dass an eine Weiterfahrt nicht mehr zu denken war. Es goss wie aus Eimern und es hätte uns fast vom Fahrrad geweht. Die Pause nutze ich für ein kleines Schläfchen und wurde dann mitten im schönsten Traum von Patrick geweckt, weil er weiterfahren wollte.

Die ostdeutsche Seenplatte
Der Fuldaer Dom

Nach einigen Kilometern kam dann wieder die Sonne zum Vorschein und trocknete unsere völlig durchnässten Regenklamotten. Die Landschaft hatte sich immer noch nicht verändert. Es ging immer nur schnurgerade an Feldern und Wiesen vorbei und es sollte sich bis zum nächsten Tag nichts daran ändern. Die starken Regenfälle hatten die Feldwege in Schlammbahnen verwandelt oder wir fuhren ständig zickzack, um den Pfützen auszuweichen.
Richtig übel war allerdings der Matsch. Dieser war dermaßen klebrig und zäh, dass wir fünfmal anhalten mussten, um mit einem Reifenheber oder Stock, den ganzen Matsch aus dem Fahrrad zu kratzen. Unsere Bikes hatten sich dermaßen zugesetzt, dass kein Rad mehr rundging. Sogar schieben war in dem Matsch nicht möglich, weil das Fahrrad kein Stück mehr rollte. Vor allem am Abend, so gegen 23 Uhr, als wir schon auf der Suche nach einem Schlafplatz waren, ereilte uns das längste Schlammfeld. Im Dunkeln, bei 5 Grad, mit der Stirnlampe und im Nieselregen, Matsch aus dem Fahrrad zu pulen, gehört zu den Erfahrungen, auf die ich gut hätte verzichten können.

Unsere Hütte für die 2. Nacht
Der Nationalpark Hainich

Vor allem lief uns so langsam die Zeit davon. Beim Candy gilt ein “Nachtflugverbot”, d.h. zwischen 0 Uhr und 5 Uhr darf kein Fahrrad gefahren werden. Nachdem wir absolut nichts Brauchbares gefunden hatten, was halbwegs überdacht und zum Übernachten geeignet war, legten wir uns am Bahnsteig in ein Wartehäuschen. Dieses war eines der Neuen aus Glas, wo unten zum Boden eine Lücke von 20 cm besteht. Beim Aufblasen meiner Luftmatratze, flog mir fast der Schlafsack weg, so blies der Wind auf dem Bahnsteig. Zum Glück kam an diesem Abend nur noch ein Zug, wo niemand ausstieg, sodass wir unsere Ruhe hatten. Ansonsten war die Nacht alles andere als ruhig und erholsam. Die Kapuze meines Schlafsacks hatte ich bis auf ein Loch von ein paar Zentimetern zugezogen, sodass nur noch meine Nase zu sehen war. Allerdings auch diese kleine Lücke reichte aus, dass je nachdem auf welcher Seite ich lag, der Wind in den Schlafsack blies.

Freitag: (07.04.2022)

Um 5:30 Uhr tauchten dann die ersten Fahrgäste auf, um mit dem Zug nach Dessau zu fahren. Sich bei 3 Grad und Regen aus dem Schlafsack zu schälen, sich umzuziehen und seine Sachen am Fahrrad zu verstauen, war wirklich kein schöner Start in Morgen.
Vor allem sollte es noch 75 Kilometer dauern, bis wir ein Geschäft finden sollten, wo wir einkaufen und etwas essen konnten. Dabei handelte es sich um die Einkaufsmöglichkeit, welche vor dem letzten Camp lag und von wo aus es noch 80 Kilometer bis Berlin waren.
Das Schlimmste war allerdings, dass der Edeka keine Bäckerei hatte, sodass ich keinen Kaffee bekam. Da kippte meine Stimmung dann!

Wenn es am Morgen keinen Kaffee und eine anständige Bäckerei gibt, werde ich “krakelig”. Bis Potsdam war ich dann doch recht ungehalten und im Nachhinein tut es mir echt leid, dass ich so schlechte Laune hatte und Patrick diese ertragen müsste. Sorry!
Auch die gefühlten 2 Millionen Kiefern und stundenlang durch diese hindurch zu fahren, trugen nicht zur Besserung meiner Laune bei. Vor Potsdam gab es dann auch noch ein paar sehr schlecht gescoutete Stellen auf dem Track, welcher ansonsten tadellos war. Dadurch kamen wir nicht schnell voran, wie ich eigentlich wollte und es war einfach der Wurm drin. Der Tag hatte nicht gut angefangen und es zog sich wie ein roter Faden weiter. Selbst Radfahren war eine ziemliche Quälerei an diesem Freitag für mich, da ich auch noch mit ein paar technischen Problemen an meinem Fahrrad zu kämpfen hatte und meine Beine auch schon mal besser waren.
Kurz vor Berlin besserte sich meine Laune dann zusehends, denn das Ziel war zum Greifen nahe. Gegen 18 Uhr erreichten wir dann endlich das Luftbrückendenkmal in Berlin am Tempelhofer Damm und unsere Reise war zu Ende.

Immer an der Wiese vorbei
Endlose Kiefernwälder

Nachdem wir noch ein paar Fotos aufgenommen hatten, ging es Richtung Hotel. Dieses hatte ich schon im Voraus gebucht und ich freute mich nur noch auf eine heiße Dusche.
Nach ein paar Tagen Radfahren und sich fast ausschließlich draußen aufhalten, gehört ein Hotelzimmer und eine heiße Dusche zu den besten Dingen auf der Welt. Es ist ein unbeschreibbares Gefühl, wenn das heiße Wasser über den Körper läuft und all der Schweiß und Dreck weggewaschen werden.

Anschließend sind Patrick und ich noch etwas Leckeres essen gegangen, wir gönnten uns zwei Bier, bevor ich völlig fertig und glücklich in ein richtiges Bett gefallen bin.
Am nächsten Tag stand noch die Übergabe des Carepakets auf unserer To-Do-Liste, schließlich hatten wir dieses durch halb Deutschland transportiert. Die Übergabe sollte auf der Fahrradmesse Velo Berlin stattfinden, die im ehemaligen Flughafen Tempelhof ihre Pforten geöffnet hatte. In dem Flughafen, wo auch die Rosinenbomber landeten, um Berlin während der Berlin Blockade mit lebenswichtigen Dingen zu versorgen.

Das Bauhaus in Dessau
Das Luftbrückendenkmal in Berlin
Der Berliner Fernsehturm

Auch viele der anderen Fahrer/innen des Candy B. Gravellers hatten mittlerweile ihren Weg nach Berlin gefunden und waren im Tempelhofer Flughafen eingetroffen. Es ist jedes Mal total inspirierend, den ganzen Geschichten und Abenteuern der anderen Teilnehmer zu lauschen. Diese Energie und den Enthusiasmus zu spüren, nachdem gefinished und eine solche Strecke nur durch die eigene Muskelkraft bewältigt wurde. Welche Hürden überwunden und Krisen gemeistert wurden und wie es die Menschen verändert hat, die sich einer solchen Herausforderungen gestellt haben.

Auf der Velo Berlin
Das Regierungsviertel in Berlin

Pünktlich um 16 Uhr ging es dann für alle Teilnehmer auf die Bühne der Velo Berlin, um die Carepakete zu übergeben. Die Firma Bike Components steuerte noch einen Scheck über 10.000 Euro für das Kinderprojekt Arche bei, was in meinen Augen eine ganz tolle Geste darstellte und ich hier unbedingt erwähnen möchte. Mit ein paar weiteren Gruppenfotos fand dieses tolle Event dann seinen Abschluss und wird mir noch lange in Erinnerung bleiben.
Vor allem hat es mir gezeigt, wie weit ich seit dem Jahr 2017 und meiner damaligen Fahrt auf dem Track des Candy B. gekommen bin. Was ich in dieser Zeit alles verändert und erreicht habe. Wo ich heute stehe und vor allem wo ich noch hin möchte. Am Ende waren alle meine Zweifel, welche in Bezug auf meine Fahrt von Frankfurt nach Berlin hatte, völlig unberechtigt. Sogar bei widrigsten Bedingungen hatte ich den Track bewältigt, genauso wie die schweren Zeiten in meinem Leben.
Zu zweifeln und sich seiner Sache nicht sicher zu sein, ist vollkommen ok. Auch mit einem Projekt oder einer Situation zu scheitern, nicht zu wissen wie es weiter geht oder sich Hilfe zu suchen, ist überhaupt nicht schlimm. Allerdings den ersten Schritt zu wagen, einsehen das ich etwas verändern muss und dies anzugehen, dass muss jeder ganz alleine. Wer nichts macht, der macht auch nicht viel falsch, er wird aber nie einen Schritt weiter kommen und es wird sich nie etwas verändern. Deshalb kann ich nur sagen: “Es ist das, was du daraus machst!”
Zum Schluss möchte ich mich noch ganz herzlich bei Gunnar Fehlau und den vielen Helfern bedanken, die dieses Event organisiert und ermöglicht haben. Dahinter stecken hunderte Stunden von Planung, Organisation und Arbeit. Dafür vielen Dank!

Bereit für neue Abendteuer

„Es ist das, was du daraus machst“

4 Comments

  • Petra Hoffmann

    Hallo Holger,
    wollte eigentlich auch mitfahren, wurde aber 1 Woche vorher durch eine Thrombose gestoppt finde deine Geschichte total cool, vor allen Dingen,weil ich im Februar in Holland zum Training in der Kälte war und dort auch Zweifel ohne Ende hatte, ob ich noch ganz echt im Kopf sei. War mit dem Wohnmobil dort und stellte mir vor, total nass, kalt und kaputt ein Zelt aufbauen zu müssen ‍♀️. Ich wollte den CandyGravel zum Einstieg ins bikepacking nutzen, ob es was für mich ist. Nun ja mein Körper hatte was dagegen und ein STOPschild hochgehalten. Da Du in der Eifel wohnst, ich im Bergischen Land nun meine Frage, nimmst Du mich vielleicht in diesem Sommer mal mit? Kann sicherlich viel von dir lernen und der Sommer macht es bestimmt auch angenehmer. Zu meiner Person, bin Triathletin und für mich sind die Strecken nicht das Problem aber alles drum herum ist eine reizvolle Herausforderung.
    Lg Petra

  • Holger Loosen

    Hallo Petra!
    Sehr schade das du beim Candy nicht starten konntest. Manchmal soll es einfach sein und einfach nach dem nächsten Projekt schauen.
    In der Eifel bist du immer sehr gerne willkommen, melde dich einfach bei mir und nach meiner großen Italienreise, werde ich auch wieder jede Menge Zeit haben.
    Wobei das Bergische Land auch sehr schön ist und bei mir noch einen blinden Fleck auf meiner Fahrradkarte darstellt.

    LG Holger

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