Lost & Luxemburg!

Samstag: (03.07.2021)

Der Sommer scheint konform mit meinen Stimmungen zu schwanken. Irgendwie ist er alles, nur nicht stabil.
So hat er mir, für meine beginnende Urlaubswoche, meine Planung mal wieder über den Haufen geworfen. Ganz oben auf meiner Wunschliste stehen ja immer noch die Trans Bayerwald und das Sauerland. Allerdings kristallisierte sich schon im Laufe der Woche heraus, dass ich diese beiden Gebiete vergessen kann. Dort soll es Mitte der nächsten Woche nur Regen und kein wirklich schönes Wetter geben.
Da aber Reisen nach Luxemburg mittlerweile wieder erlaubt sind, zog ich einfach diese GPX Tracks aus meiner virtuellen Schublade und kopierte sie auf den Garmin. Es ist immer gut Alternativen und Ausweichmöglichkeiten zu haben, das hilft im Leben oft ungemein weiter.

Aussichtsplattform Burfelt
Esch-Süre

Deshalb verschlug es mich und den Bus gestern nach Esch-Sauer. Dieser Ort ist mir noch in guter Erinnerung vom A-Cross the 3, bei dem ich eine halbe Stunde zu spät dort ankam und der einzige Lebensmittelladen weit und breit schon geschlossen hatte. Da ich außer einem Käsecroissant und zwei Müsliriegel nichts mehr hatte, ging es ins nächste Hotel. Nach einem ausgiebigen Abendessen, kaufte ich alle Brötchen vom Frühstück, sowie die kleinen Marmeladen-, Wurst- und Butterdöschen auf, wovon ich mich dann fast den ganzen nächsten Tag ernährte. Lecker war anders, vor allem im Anbetracht des Preises, welche mich die Verpflegung gekostet hatte. Aber gerade beim Bikepacken regiert Angebot und Nachfrage.
Ein Teil des Tracks vom ACT3 ging um den Stausee Esch-sur-Sure, vom dem die Staumauer nicht weit entfernt von Ech-Sauer liegt. Dieses Stück war richtig hartes MTB fahren, mit viel Bike & Hike aber traumhaft schön. Wobei ich ehrlich zugeben muss, ich habe selten soviel auf die Veranstalter geschimpft und ihnen so ziemlich alles an den Hals gewünscht, wie bei diesem Event. Dabei sind Bertgen und Stephan zwei richtig nette Kerle, ihre Tracks sind allerdings richtig hart. Dagegen ist der Eifel Graveller eine lockere Sonntagsausfahrt!
Auch heute sollte es wieder richtig hart werden, hatte ich mir dieses mal einen Track um den ganzen Stausee zusammen gestellt. Es ging nur rauf und runter und schon nach den ersten 20 Kilometern hatte ich 800 Höhenmeter auf dem Garmin. Es gab fast nur Trails, welche dauernd mit kleinen Schiebepassagen gespickt waren, sodass ich ständig auf- und absteigen musste. Auch technisch war der Track oft ganz oben auf meiner Fahrkünsteskala angesiedelt.
Nach 30 Kilometern wurde es ein bisschen einfacher und ich kam endlich mal schneller voran. Vor allem den See ständig aus einer anderen Perspektive und von verschiedenen Seeseiten zu sehen, machte den Reiz dieser Tour aus.
Mit dem Kopf war ich heute leider nicht so ganz bei der Sache, was die kniffligen Trails nicht gerade einfacher gestaltete. Auch um in meinen Flow zu kommen, brauchte ich heute lange. Um es mit dem Jugendwort 2020 ausdrücken, ich fühlte mich ganz schön “lost” und das schon die ganze letzte Woche. Mich so verloren zu fühlen, nirgendwo dazugehörig und zu Hause, ist kein schönes Gefühl. Dies geht meist mit einer ziemlichen Antriebslosigkeit und Niedergeschlagenheit Hand in Hand. Dadurch wird gerade der Alltag bleischwer, meinen Haushalt und meine Arbeit geregelt zu bekommen wird zu einer Mammutaufgabe. Vor allem würde ich dann am liebsten nur im Bett liegen, die Rollladen runter und schlafen oder mich einfach mit irgendwelchen Serien zudröhnen. Rezidivierende depressive Störung nennt der Fachmann sowas.

Blick auf die Staumauer Esch-Süre

Verkriechen und nur Rückzug ist aber leider keine Lösung, gerade dann gilt es einfach weiter zu machen und trotz allem zu versuchen sein Bestes zu geben. Dabei vor allem nachsichtig und rücksichtsvoll mit mir umzugehen ist wichtig. Mich nicht verurteilen und abwerten, wenn ich nicht alles hinbekommen habe oder etwas einfach liegen lasse. Die Ansprüche mal etwas herunterschrauben, wobei dies nicht wirklich so einfach ist. Dabei sind die eigenen Ansprüche oft wesentlich komplizierter und schwieriger als die, welche von außen kommen. Von denen kann ich mich mittlerweile ziemlich gut distanzieren und entscheiden, ob ich mir den Schuh anziehe oder nicht. Da ist mir auch ziemlich egal mittlerweile, was sich so gehört oder mich nach irgendwelchen zwielichtigen Normen zu richten, welche bei näherer Betrachtung oft sehr fragwürdig sind.
Allerdings seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden, wiegt da schon komplizierter. Diese sind wesentlich schwerer zu hinterfragen, sind sie doch stark mit unseren persönlichen Glaubenssätzen gekoppelt, vieles wirkt sehr subtil und unterbewusst. Diesen nicht gerecht zu werden, löst bei mir schnell das Gefühl aus, versagt zu haben, nicht gut genug gewesen und zu wenig geleistet zu haben. Dieses schaukelt sich dann schön mit dem Gefühl hoch, nirgendwo dazuzugehören, eben weil ich nicht gut genug bin. Wer will so jemanden schon haben oder aushalten?
Dabei ist gerade dieser Wechsel, zwischen sich für den Größten halten und das absolute nichts zu sein, sehr typisch für die Borderlinestörung und macht die ganze Sache so vertrackt. Denn je nach Zustand, ist das ganze Denken, Fühlen und Handeln oft dementsprechend. Für Außenstehende oft schwer nachzuvollziehen und zu verstehen. Bei vielem wird Berechnung und Manipulation unterstellt oder dahinter vermutet.

Am schlimmsten ist es allerdings für den Betroffenen selbst, mit dieser Zerrissenheit und diesem ständig wechselnden Selbstbild zu leben. Vor allem erzeugt es einem unheimlichen inneren Druck und eine immense Anspannung. Auch damit hatte ich die letzte Woche sehr zu kämpfen und mit dem daraus resultierenden Drang mich selbst zu verletzen. Einfach mal zwei Stunden nichts bis normal fühlen und mit mir im Reinen sein. Die gleiche Funktion hatten immer meine Bulimieanfälle, bei diesen ging es auch viel darum Druck abzubauen und Gefühle zu regulieren.
Allerdings hat beides einen hohen Preis, bei der Bulimie im wahrsten Sinne des Wortes. Vor allem ist es keine Dauerlösung und macht völlig kaputt. Eine Zeitlang können solche Verhaltensweisen als Überlebensmechanismus dienen aber irgendwann müssen sie durch gesündere Lösungsstrategien ersetzt werden.
Dabei ist bei näherer Betrachtung und etwas Wissen um das Thema Borderline, dieses Verhalten gar nicht mehr so verrückt, es steckt eigentlich sogar recht viel Logik dahinter. Allerdings bedarf es einiges an Verständnis und auch der Bereitschaft, Vorurteile über Board zu werfen. So schlecht wie ihr Ruf oder wie Borderline oft in den Medien dargestellt wird, sind die betroffenen Menschen nicht! Es sind meistens sehr emphatische Menschen, die sehr viel fühlen und jede Facette des Gegenübers mitbekommen.

Besonders traurig und auch wütend macht es mich, wenn ich lese, dass es Bücher mit dem Titel gibt “Mach dich frei von Borderlinern und Narzissten!”. Mir ist schon klar, worum es in dem Buch geht oder die Intention dahinter ist. Aber der Titel gehört verboten, das ist purer Rassismus und tut mir sehr weh! Was für einen Shitstorm würde es wohl auslösen, wenn ich ein Buch schreiben würde “Mach dich frei von Krebs- und Zuckerkranken!”.
Aber bis physische und psychische Krankheiten denselben Stellenwert und Verständnis finden, wird die Gesellschaft wohl noch einige Zeit benötigen. Ich hoffe sehr, dass ich bis dahin nicht müde werde, über meine psychischen Probleme zu schreiben und für ein bisschen Aufklärung zu sorgen!

Aussicht vom Sykwalk Burfelt
Blick auf Esch-Süre

Sonntag: (05.07.2021)

Einen Vorteil haben meine Schlafstörungen, ich bin spätestens um 6 Uhr wach und kann in den Tag starten.
Gestern Morgen kam ich dadurch in den Genuss eines sehr schönen Sonnenaufgangs. Die Luft war noch kühl und frisch von der Nacht, auf allem lag ein bisschen Tau und das Gras war noch nass, als ich hindurchlief. Das nenne ich mal mit Achtsamkeit den Tag beginnen.
Vor allem genieße ich diese Ruhe, nichts stört die Geräusche der Natur. Da zwitschern die Vögel, der Wind rauscht in den Bäumen und ansonsten ist es völlig still. Das ist besser als jede Entspannungs-CD.
Dazu noch einen großen Milchkaffee, meinen Blick auf den Horizont geheftet, die Gedanken kommen und gehen lassen, ich atme tief durch, bin im Hier und Jetzt und ganz nah bei mir selbst.
Solche Momente gibt es nur ganz früh am Morgen, vor allem an einem Sonntag, wenn die Welt ansonsten noch am Ausschlafen ist. Dann dreht sie sich noch nicht so schnell, wie am Rest des Tages. Sobald der Verkehr losgeht, die Geschäfte öffnen und der tägliche Wahnsinn seinen Lauf nimmt, ist es mit der Ruhe und dem Frieden vorbei.

Ein weiterer Grund für mein frühes Aufstehen, bestand darin, dass ich zeitig auf meinem Fahrrad sitzen wollte. Für den Nachmittag wurde im Wetterbericht Regen und Gewitter vorausgesagt. Da wollte ich rechtzeitig zurück an meinem Bus sein, auf nass werden hatte ich keine große Lust.
Meine Tour führte mich heute von Luxemburg nach Belgien. Gerade von Belgien bin ich ein riesen Fan und war schon unzählige Mal mit dem Fahrrad dort. Ich habe immer den Eindruck, die Menschen dort sind wesentlich entspannter und netter, wie in Deutschland. Nicht umsonst ist einer meiner Lieblingsmenschen Belgier!
Vor allem im Straßenverkehr und in ihrem Verhalten gegenüber Radfahrern sind sie sehr rücksichtsvoll. So auch heute, die einzigen Autos, welche keinen Abstand gehalten oder mich geschnitten haben, wenn ich mal auf der Straße fuhr, waren welche mit deutschem Kennzeichen.
Mit Luxemburg verhält es sich ähnlich wie mit Belgien. Vor allem mag ich es, das dieses Land so klein ist. In gut einer Stunde ist man mit dem Auto quer durch das ganze Land gefahren. Selbst eine Trans Luxemburg mit dem Fahrrad ist nur eine normale Tagestour.
In Luxemburg gibt es kostenlosen Nahverkehr, welchen ich mir für Deutschland auch wünschen würde. Hier gibt es in der tiefsten Pampa 4G, in Deutschland oft nur Edgeund wir reden schon von 6G. Auf jedem Parkplatz gibt es Mülltonnen und er ist top gepflegt.
Die kommen hier auch ohne den ganzen Verbotsschilderwahn aus, welchen es in Deutschland gibt. Alleine was an Verbotsschildern in deutschen Wälder herumsteht, übertrifft wohl die gesamten Straßenschilder in vielen anderen Ländern.
Besonders spannend fand ich es, das es an der Supermarktkasse nicht diese Einkaufstrenner gibt, welche auf das Kassenband gestellt werden.

Zu Hause in Deutschland stelle ich oft absichtlich keinen auf das Band, da werden die korrekten Deutschen dann ganz schnell panisch und hektisch. In Windeseile werden die Einkäufe dann aber fein säuberlich abgetrennt, bevor sie die Verkäuferin erreichen, inklusive bösen bis vernichtenden Blick in meine Richtung. Ich lächele dann immer nett zurück und freue mich, ein bisschen Unordnung ins System gebracht zu haben.
Klar könnt ihr jetzt denken, was ein Quatsch, sich über diese Trenner Gedanken zu machen. Ich persönlich sehe das ein bisschen anders. Sie sind typisch für Deutschland und einige Entwicklungen in unserer Gesellschaft die letzten Jahre.
Die Menschen grenzen sich immer mehr ab und ziehen sich zurück. Vor allem was die eigenen vier Wände betrifft und offen sein für neue Freundschaften/Beziehungen. Sogar auf dem Campingplatz wird ein Zaun um den Wohnwagen aufgestellt und das Revier markiert, selbst dort ist nicht mehr viel los mit der großen Freiheit. Letztes Wochenende war ich in der Eifel MTB fahren und bin einem Trail gefolgt, der an einem Bach endete, dort wurde die Brücke abgerissen und es bestand keine wirklich gute Möglichkeit diesen zu überqueren. Nur zehn Meter weiter stand eine andere Brücke, welche als Zufahrt zu einem Grundstück diente. Dort war aber alles völlig mit Stacheldraht verbarrikadiert und zig Verbortsschilder aufgestellt. Weiter möchte ich das gar nicht ausführen!

Dabei ist es, noch gar nicht lange her, da haben wir endlich die Grenze in unserem Land abgeschafft und die große friedliche Revolution gefeiert. Davon ist in diesem Land aber nicht mehr viel übrig. In den letzten Jahren bauen wir an vielen Stellen immer mehr Grenzen wieder auf. Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass Rückzug auch meine stärkste Waffe darstellt, wenn es mir nicht gut oder ich in irgendwelchen Konflikten stecke.
Dieses hat in meinen Augen viel damit zu tun, dass sich die Welt immer schneller dreht, wir nur noch von dem ganzen digitalen Zeug getrieben und dadurch immer mehr versklavt werden. Und wer das Tempo nicht schafft und zurückfällt, der hat verloren und fällt hinten runter. Das sind halt die Kollateralschäden, welche dieses System fordert und auf dem kapitalistischen Altar geopfert werden müssen.
Dass dabei viel Neid und Verlustangst entsteht, dürfte jedem einleuchten und am besten hilft dagegen, sich zurückzuziehen und seine Grenzen dichtzumachen. Dieses System wird mittlerweile von ganz Europa verfolgt, den Brexit will ich erst gar nicht erwähnen. Von einer Europäischen Union waren wir noch nie weiter entfernt, wie zurzeit.
Es stellt wohl auch den kläglichen Versuch dar, die eigene kleine Welt aufrechtzuerhalten und zu verteidigen. Sich ein Stück heile Welt schaffen und bewahren. Über irgendetwas in seinem Leben und in dieser Welt die Kontrolle behalten. Kontrolle um dem Gefühl der Entmündigung und Fremdbestimmung etwas entgegenzusetzen. Gerade was Kontrolle anrichtet, habe ich mehr wie reichlich durch meine Essstörung erfahren und habe lange benötigt, mich ein Stück davon zu befreien.

Viele Dinge sind in der heutigen Welt so komplex geworden, dass es unmöglich ist alle Fakten zu kennen, die richtigen Zusammenhänge zu sehen und seine Schlüsse zu ziehen. Es herrscht ein solcher Informationsüberfluss, an Menge und Geschwindigkeit, da kann man sich nur noch ohnmächtig fühlen. Vor allem wem soll man noch glauben oder was ist überhaupt richtig?
Da ist es kein Wunder, das alles immer radikaler wird und an die äußeren Ränder des politischen Spektrums und darüber hinaus rutscht.
Mein Eindruck von der Politik in diesem Land ist sowieso schon seit Jahren, Hauptsache dagegen. Egal wer da etwas beschließt oder einführen will, die anderen Parteien sind sofort dagegen und schaffen es wieder ab, sobald sie an der Macht sind.
Selbst die Koalitionspartner in diesem Land, die eigentlich gemeinsam Probleme lösen und Dinge für die Gesellschaft auf den Weg bringen sollen/wollen, sind meistens nur am Streiten. Einigkeit herrscht höchstens bei dem Thema Diätenerhöhung.
Noch nicht einmal innerhalb der einzelnen Parteien herrscht Einigkeit und Konsens, sondern nur Missgunst und Machtkampf. Wie wollen solche “Organisationen” es dann schaffen ein ganzes Land zu regieren und zu führen?
Wobei die Führung dieses Landes weder von den Parteien, noch viel weniger vom Wähler bestimmt wird, sondern einzig und alleine von der Wirtschaft, da vor allem von den großen Konzernen und ihren bezahlten Lobbyisten.

Und trotz alledem leben wir noch in einem der besten Länder auf diesen Planeten. Ich persönlich weiß nicht so genau, ob ich darüber froh sein soll oder zu tiefst beängstigt.
Und da soll man sich nicht “lost” fühlen, um das Thema aus meinem letzten Post nochmal aufzugreifen? Wahrscheinlich empfindet ein Großteil der Bevölkerung in diesem Land so. Sie fühlen sich verloren, ausgegrenzt und wie in einem Hamsterrad gefangen. Das Ganze wird dann mit Instagram-Scheinwelten, Konsum und fragwürdigen Subkulturen gefüllt.
Vor allem fühlen wir uns immer einsamer und unverbunden in diesem Land. Dies wird zu einem riesen Problem in unserer Gesellschaft führen. Wobei wir dieses Problem schon längst haben, wenn man neusten Studien und Zahlen glauben darf. In diesem Land sind rund 14 Millionen Menschen von Einsamkeit betroffen und wie hoch die Dunkelziffer ist, will ich mir gar nicht vorstellen. Wer gibt schon zu das er einsam ist, der Makel ist ja fast noch größer wie psychisch erkrankt zu sein.
Dieses Phänomen kommt vor allem nicht nur bei alten Menschen vor, wie man im ersten Moment glauben könnte. Nein, gerade die Generation der Millennials ist davon in besonderem Masse betroffen.
Die heutige Arbeitswelt fordert völlige Flexibilität, immer mehr Spezialisierung und ständige Erreichbarkeit, damit die Kennzahlen und vor allem der Gewinn erreicht werden. Das zu Mindestlöhnen und riesigen Arbeitspensen. Selbstoptimierung bis hin zur völligen Selbstausbeutung wird als ein erstrebenswertes Ziel proklamiert und erwartet.

Verbindlichkeit, Intimität und Stabilität lässt dieses neue System nicht zu, dafür ist kein Platz in der schönen neuen digitalen Welt, wo wir doch alle in einem Team arbeiten.
Viele alte Strukturen fallen weg, die Alten bleiben zurück und die Jungen hetzen durch eine ungewisse Zukunft. Dadurch entsteht eine kollektive Ungebundenheit, eine entwurzelte Gesellschaft und in gewisser Weise sind Borderliner die logische Konsequenz und ein Sinnbild dieser Entwicklung. Wir werden zu einer Borderline-Gesellschaft, um es mal ein bisschen provokativ auszudrücken.
Dabei sind “Parallelen” zwischen den Kriterien für eine Borderline Störung und der Entwicklung und dem Zustand unserer Gesellschaft mehr als reichlich vorhanden! Ehrlich gesagt erfüllt die Gesellschaft alle Kriterien, bei genauerer Betrachtung.
Dieses Thema beschäftigt mich sehr in der letzten Zeit, weil mir immer mehr Menschen begegnen, die sich so verloren fühlen, wenn es um ihre Person, ihr Leben und den Platz in dieser Welt geht. Wo die früher üblichen und vorgelebten Wege, die anerkannten Lebensmodelle einfach nicht mehr funktionieren, sie trotz allem Bemühen dort nicht mehr hineinpassen und verzweifelt nach Alternativen suchen.
Ich werde mich für heute auch mal nach einer Alternative umschauen müssen, um mal abrupt das Thema zu wechseln. Werde es aber bestimmt mal weiter ausführen, da ich es äußert spannend finde.
Für den heutigen Tag ist nur Regenwetter gemeldet und da macht Fahrradfahren nicht wirklich Spaß. Tragisch finde ich das jetzt aber nicht, ein Ruhetag wird mir bestimmt sehr guttun und ich habe auch noch ein paar andere Dinge zu erledigen.
Stattdessen werde ich heute mal die Stadt Luxemburg besuchen, wo es eine sehr schöne Altstadt gibt und ich ein paar Besorgungen tätigen werde. Ansonsten werde ich einfach ein bisschen in den Tag hinein leben und es mir gut gehen lassen!
Wünsche euch einen guten Start in die Woche und es ist okay to feel lost!

Freitag: (09.07.2021)

Nach zwei Ruhetagen, bedingt durch schlechtes Wetter, ging es am Mittwoch endlich wieder auf mein MTB. Vor allem war es mein Plan einfach ein bisschen durch Luxemburg zu fahren und das Land zu genießen. Deshalb habe ich die Touren jeweils zweigeteilt. Ein Teil mit MTB fahren, vielen Trails und Training, der andere einfach nur entspannt durch die Gegend zu cruisen. Zu Hause mache ich genau das viel zu wenig. Dabei ist es ein ganz wunderbarer Weg, um nur im Moment zu sein und alles aufmerksam wahrzunehmen. Alle Formen, Farben und Gerüche der Gegend ganz aufmerksam aufzunehmen und mit allen Sinnen zu registrieren.

Luxemburg Stadt
Blick auf Luxemburg Stadt

Deshalb liebe es wohl auch so, durch andere Länder zu fahren und die kleinen Unterschiede wahrzunehmen, welche zwischen den einzelnen Ländern bestehen. Seien es die Menschen, die Architektur oder einfach nur die Verkehrszeichen. Es gibt soviel spannendes zu entdecken und zu sehen, dafür gilt es einfach den Kopf, mit seinen tausend Gedanken mal ein bisschen auszuschalten und nur seine Sinne zu benutzen.
Besonders spannend wird das Ganze hier in Luxemburg dadurch für mich, dass ich höchstens 10 Wörter Französisch beherrsche. Sprachen sind einfach nicht mein Ding, da war ich schon immer eine ziemliche Niete, vor allem in meiner Muttersprache. Mein ehemaliger Deutschlehrer würde wohl die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und die Welt nicht mehr verstehen, wenn er wüsste, dass ich einen Blog schreibe, wo ich bei ihm jahrelang ein Mangelhaft auf dem Zeugnis stehen hatte. Vielleicht lag es ja nur an seinem langweiligen Unterricht und das er als Lehrer das Fach Deutsch nicht spannend rüberbringen konnte? Ist alles lange her und über vertane Chancen und das Schulsystem zu lamentieren, bringt nichts mehr.

Für den gestrigen Tag hatte ich mir noch ein spezielles Ziel im Hinterkopf behalten, welches schon lange auf meiner Luxemburg-Wunsch-Liste stand. Wobei ich erst einmal schauen wollte wie sich das Wetter und meine Zeitplanung so entwickeln. Vor allem wollte ich keinerlei Stress und Gehetze haben, den habe und mache ich mir schon oft genug.
Der Morgen war noch recht frisch, durch den Regen der letzten Tage und aufgrund von Nebel dazu noch recht feucht. Dies war leider auch auf den Trails zu spüren, wo es sehr schlammig und rutschig zuging. Ich sah auch dementsprechend aus, wobei ich gerne mal ein bisschen die Drecksau bin.
Allerdings hat es mich auch einmal gut hingelegt, wo ich allerdings selber schuld daran hatte. So optimistisch den Hang runterzufahren, bei so einem Matsch, da konnte das Vorderrad nur wegrutschen.
Doch schon bei meinem zweiten Frühstück in Garnich, kam die Sonne heraus und es wurde es ein angenehmer Sommertag, wie ich ihn Liebe. Vor allem Sonne ist existenziell für mich und verwandelt mich in einen völlig anderen Menschen. Wahnsinn was Serotonin so alles ausmacht!
Da ich am Montag so früh gestartet war und keine Lust hatte schon am frühen Nachmittag wieder am Bus zu sein, hängte ich noch mein spezielles Ziel dran.

Panaorama Aufzug Pfaffenthal

Wobei es zuerst nach Luxemburg Stadt ging, dort hatte ich bei meinem Besuch mit dem Bus, einen Skywalk entdeckt. Diese Bauwerke finde ich ähnlich klasse wie Türme und dieser hatte sogar noch einen Glasboden auf dem letzten Stück. Fantastisch, allerdings nichts für Menschen mit Akrophobie. An dem Skywalk gibt es auch noch einen Aufzug, welcher ebenfalls verglast ist und mit dem man runter ins Tal fahren kann, wo die Alzette fließt. Samt Fahrrad bin ich mit diesem einmal runter und wieder hochgefahren, wie ihr euch bestimmt denken könnt.
Dann ging es aber endlich zu meinem eigentlichen Ziel, was so eine Art Erotikshop für Radfahrer darstellt. Schon immer mal wollte ich, wenn ich mit dem Rad nach Luxemburg Stadt fahre, in den Fahrradladen von Andy Schleck. Gestern habe ich dies endlich mal getan und konnte mich dort vor Schönheiten kaum retten. Purer Bikeporno! Zielsicher drehte ich auch immer das teuerste Preisschild um, wenn mir ein Fahrrad gut gefiel. Eine Katastrophe!
Am darauffolgenden Tag war das Wetter leider nicht mehr ganz so gut. Zwischendurch gab es sogar mal ein bisschen Regen. Dieser hielt sich aber in Grenzen und aus Zucker bin ich ja nun auch nicht.
Dafür gab es einige schöne Dinge zu entdecken. Der MTB-Teil meiner heutigen Route führt mich an ganz vielen Tagebauten vorbei, wo früher verschiedenste Bodenschätze abgebaut wurden. Zum größten Teil allerdings Eisenerz, wovon zahlreiche Überreste aus der Stahlproduktion, welche es hier in der Gegend gibt, Zeugnis ablegen. Da waren viele interessante Dinge und Tracks dabei, wo es wirklich lohnen würde, diese mal genaue runter die Lupe zu nehmen und nochmal wiederzukommen.

Die beiden Tage vorher mal “gar” nichts zu tun und mehr oder weniger in Tag hineinzuleben, haben mir richtig gutgetan. Wobei nichts machen, das geht bei mir nicht so wirklich. Ich habe einen Ausflug nach Luxemburg Stadt unternommen, mir dort viel angeschaut und die sehr schöne Stadt genossen. Dort gibt es Architektonisch einiges zu entdecken und die Altstadt ist sehr schön.
Auch einiges für den Eifel Graveller gab es zu erledigen, etliche E-Mails zu beantworten und endlich mal das Fahrerhandbuch fertig schreiben.
Zu meiner Leidenschaft dem Lesen bin ich auch mal wieder gekommen. In der letzten Zeit ist gerade das Lesen völlig hinten heruntergefallen, weil ich ständig so wenig Zeit hatte, mich so gehetzt gefühlt habe und einfach nicht den Kopf dafür freihatte.
Dabei ist Lesen ein ziemlich guter Skill von mir und das beste Rezept um einzuschlafen. Bei vielem geht es einfach nur darum, den Kopf zu beschäftigen oder besser gesagt ihn abzulenken. Damit komme ich ziemlich gut aus meinen Gedankenspiralen und der Grübelei heraus. Anderen hilft es Mandalas zu malen, eine Traumreise zu absolvieren, zu meditieren oder was auch immer. Da gibt es unzählige Möglichkeiten und Verfahren. Hauptsache das Gehirn bekommt einen anderen Reiz und eine andere Beschäftigung. Was sonst eher hinderlich ist, das der Mensch sich schnell ablenken lässt und nicht konzentriert bei einer Sache bleibt, ist hier die große Hilfe.
Die letzten Tage habe ich auch wieder mehr zu mir selbst gefunden und vor allem weiß ich wieder wo ich hin will. Denn genau darum geht es, wenn ich mich so verloren fühle. Ich habe meine Richtung verloren, sehe meinen Weg nicht mehr, sondern nur noch Abzweigungen und Sackgassen. So gesehen hat auch sich Lost fühlen eine Funktion und einen Grund. Den haben die schlechten Gefühle immer, wobei es keine schlechten Gefühle gibt, sondern nur welche, die einem im höchstens Masse unangenehm sind.

Deshalb sind solche Phrasen, wie immer positiv denken, lass dich hängen, der Spruch mit den Zitronen und der Limonade für mich absoluter Bullshit. Immer nur gut gelaunt sein, immer nur angenehme Gefühle haben, das gibt es nicht und funktioniert nicht. Dies ist bei keinem Menschen der Fall, höchstens auf Instagram bekommen wir das vorgegaukelt und da ist das meiste nur gefakt.
Gerade bei den unangenehmen Gefühlen ist es wichtig hinzuschauen, diese wahrzunehmen, nicht einfach wegzubügeln, zu ignorieren und auf die Seite zu schieben. Noch schlimmer ist es, sie mit irgendetwas zu kompensieren und zu verdecken. Gerade Verdrängen und Wegschieben gehört zu den schlechtesten Strategien, die ich anwenden kann, was ich schmerzvoll musste. Für eine Zeitlang funktioniert dieses System vielleicht ganz gut oder um eine Situation zu überbrücken. Aber diese unangenehmen Gefühle gehen nicht einfach weg, sie stauen sich immer weiter auf, werden immer größer und intensiver. Das Verdrängen und Wegdrücken wird einen immer höheren Preis fordern, immer mehr Ressourcen und Zeit binden, um trotzdem irgendwann wie eine Welle über uns hereinbrechen. Und das wird eine Freak Wave sein, die einen richtig umhaut und alles verschluckt.
Deshalb ist es wichtig hinzuschauen, was ist los bei mir, was ist der Auslöser oder wo bin ich falsch abgebogen. Was steckt wirklich dahinter und ist der Grund? Und genau hier wird es schwierig und schmerzvoll. Dazu gehört es ehrlich zu sein, ehrlich zu sich selbst, dazu gehört Einsicht und Selbsterkenntnis. Genau diese tun verdammt weh, sind schmerzvoll fordert meist Konsequenzen. Aber um zu heilen, muss es auch mal weh tun und Hand an die Wunde gelegt werden.
Dabei hat der Mensch besonders vor einer Sache Angst und das sind Veränderungen. Die machen auch mir eine Höllenangst und schwänzle solange wie möglich drum herum, bevor ich sie angehe. Aber über das Thema Veränderung habe ich hier schon oft geschrieben und ausgiebig beleuchtet.

Wahrscheinlich geht es aber genau darum, wenn ich mich so lost fühle. Es geht um Veränderung oder mal wieder einen weiteren Schritt zu gehen und dieses verloren fühlen ist das Zeichen dafür. Das da Themen sind, welche mich beschäftigen und dabei geht es nicht um Stress bei der Arbeit, den üblichen Familienkram und so weiter. Es geht um Wünsche, Bedürfnisse und Sehnsüchte, welche tiefer sitzen, die von mir ignoriert und nicht beachtet werden. Aus welchem Gründen auch immer. Genau diese herauszufinden und warum ich sie ignoriere und nicht wahrhaben will, genau darum geht es dann bei mir.
Da ist so ein Thema, welches schon länger in mir gärt und arbeitet. Bis jetzt kann ich es aber nicht so ganz fassen, da ist noch nichts Spruchreifes bei herausbekommen. Im Alltag fehlt mir einfach die Zeit und der Raum, um mich damit zu beschäftigen und es wahrzunehmen. Dafür benötige ich längere Auszeiten, einen anderen Raum und viel Alleinzeit.
So wie in dieser Woche, wo ich nur für mich alleine unterwegs bin, Abstand von allem habe und vor allem frei bin. Da gelingt es mir, mich diesem Thema zu nähern und es für mich mehr begreifbar zu machen.
Mal schauen, ob ich zum Ende meines Urlaubes das Ganze auch mal in Worte gefasst bekomme. Denn genau dies hilft mir sehr, einfach mal den ganzen Gedankenwust niederschreiben, damit er schwarz auf weiß vor mir liegt. Dadurch ist er einfach mal raus aus meinem Kopf, belastet diesen nicht mehr so und es ist Platz für etwas Neues vorhanden oder den nächsten Schritt.

Außerdem habe ich mich getraut ihn zu äußern, habe ihn herausgelassen, dadurch lege ich mich fest und stelle mich dem Außen. Solange alles nur in meinem Kopf herumschwirrt, kann ich alles ganz leicht wegschieben, es relativieren und verneinen. Wenn ich es niedergeschrieben habe, geht dies nicht mehr so leicht, denn habe ich mich festgelegt und meine Komfortzone verlassen. Gerade mich festlegen, gehört absolut nicht zu meinen Stärken, denn dann werde ich auch angreifbar, muss mich Zweifeln und Kritik stellen. Immer ein Hintertürchen offen halten bringt langfristig gesehen keinen Erfolg!
Es herauszulassen nimmt vielen Gedanken/Plänen auch den Schrecken. Ich sehe, der Berg ist gar nicht so hoch oder die Idee gar nicht so verrückt.
Na ja, genug meiner Worte. Wünsche euch schon mal einen schönen Start ins Wochenende und lasst es euch gut gehen. Ich bin heute zum MTB fahren mit einer richtig guten Fahrerin verabredet und freue mich schon sehr, dass sie mir die Trails rund um Luxemburg zeigt. Ansonsten werde ich heute Abend noch die Gegend und das Land wechseln, ich habe da noch sowas an Ziel in der Schublade!

Sonntag: (11.07.2021)

Im Moment ist mir ein bisschen zum Heulen zu mute und mein Herz schwer, nachdem ich nochmal drei fantastische Tage auf dem Fahrrad erleben und die Freiheit mit meinem Bus genießen durfte. Heute ist leider mein letzter freier Tag und Morgen heißt es wieder Homeoffice.
Auch entgegen meiner sonstigen Gepflogenheit werde ich schon heute nach Haue fahre und nicht wie üblich montags Morgen in aller frühe. Diese Divergenz ist sogar mir zu hart, vom Bus hinter meinen Laptop.
Dabei waren gerade die letzten Tage nochmal von tollen Highlights gespickt. Am Freitag hat mir Ina de Visser ein paar ihrer Hometrails rund um Luxemburg Stadt gezeigt. Ina ist eine verdammt gute Radfahrerin und hat schon an vielen internationalen Radrennen teilgenommen. Zum Teil in Ländern, wo ich wahrscheinlich freiwillig nie Fahrradfahren würde. Eigentlich wollten sie und ihr Freund an der EG20 Ausgabe teilnehmen, mussten dann aber leider wegen den Coronaeinschränkungen ihren Start absagen. Ich hoffe ja sehr, die beiden werden beim EG22 wieder auf der Startliste stehen.

Am Freitagabend habe ich dann Luxemburg verlassen und bin für das Wochenende ins Saarland gefahren. Mein Ziel war der Bostalsee, wo ich vor ein paar Jahren mal ein paar Tage Urlaub verbracht hatte. Mal in der Gegend um St. Wendel Mountainbike zu fahren, steht sowieso schon lange auf meiner Wunschliste. Deshalb dachte ich mir, lege ich mal ein Schnupperwochenende im Saarland ein, um zu schauen, ob sich ein längerer Urlaub dort lohnen würde.
Da ich nicht gerne weiter als ein oder zwei Stunden fahre, um Urlaub zu machen und Fahrrad zu fahren, könnte das Saarland ein klasse Ziel für das Jahr 2022 werden. Für einen tollen Urlaub muss man in meinen Augen nicht um die halbe Welt fliegen und dabei jede Menge CO2 produzieren. Auch sehe ich es nicht ein, dass schon fast zwei Tage meines Urlaubs für die An- und Abreise darauf gehen, wo ich an diesen beiden Tagen auch auf dem Fahrrad sitzen kann. Klar, hat das Saarland jetzt nicht so ein Prestige, wie wenn ich an irgendeinem ganz angesagten Topsspot biken würde. Bloß interessiert mich sowas nicht die Bohne und ist mir so egal, wie wenn in China ein Sack Reis umfällt. Denn das, was viele wollen, wollen oft nur viele, weil es viele wollen!
Dabei wissen die meisten Leute gar nicht, wie schön es in ihrer unmittelbaren Umgebung ist und was es dort alles zu entdecken gibt.
Am Freitagabend hatte ich meinen Stellplatz direkt an der Staumauer des Bostalsees gefunden und konnte dort am folgenden Tag direkt in den Track einsteigen. Am Morgen war es dort allerdings richtig frisch, während ich meinen Milchkaffee und eine Pfanne mit Rühreier zubereitete, da über dem ganzen See eine dicke Schicht Nebel lag. Die Atmosphäre, die ich während meines Frühstücks genießen durfte, entschädigte allerdings völlig für die kühlen Temperaturen. Es ließ sich auch schon die Sonne über dem Nebel erahnen, was sich bestätigte, nachdem ich den ersten Berg erklommen hatte und nun von oben über den Nebel schauen konnte. Für solche fantastischen Augenblicke, lohnt es sich früh aufzustehen und sich Zeit auf den wegzumachen.

Blick vom Schaumberg
Blick auf den nebelverhangenen Bostalsee

Als nächstes lag die Nahe Quelle auf meinem Track. Wobei die Quelle nur aus einem Plastikrohr bestand, wo Wasser in einen Graben floss, welches sich auf einem Abenteuerspielplatz mit Wildtiergehege befand. Da machen die beiden Quellen (Erft und Ahr), welche sich auf dem Track des Eifel Gravellers befinden doch wesentlich mehr her.
Dafür wurde ich mit dem zehnstöckigen Turm auf dem Schaumberg mehr wie versöhnt. Pünktlich um 10 Uhr stand ich vor dem Eingang und nach der Bezahlung von einem Euro, war ich der Erste, welcher an diesem Tag auf den Turm hinauf durfte. Leider war es etwas diesig, sodass der Fernblick nicht ganz so toll war. Aber für einen Euro will jetzt mal nicht meckern, was bekommt man sonst schon noch für einen Euro. Da ich noch 70 Kilometer zu fahren hatte, blieb mir leider keine Zeit, für die verschiedenen Ausstellungen, welche sich ebenfalls in dem Turm befinden. Neben dem Turm befand sich auch noch ein kleiner Skywalk. Dieser war jetzt nicht so spektakulär, wie der in Luxemburg Stadt aber trotzdem toll und ein paar Fotos wert.

Der Sykwalk am Schaumberg
Brücke über die Bahn in Tholey

In St. Wendel gab es dann endlich meinen geliebten Kaffee und vor allem zwei Stücke Kuchen, hatte ich doch meine Verpflegung im Bus vergessen. St. Wendel hatte ich irgendwie völlig anders in Erinnerung, wobei es auch sein kann, dass ich da etwas verwechsele, der Jüngste bin ich ja jetzt auch nicht mehr. Trotz des Alters bin ich zurzeit in ziemlich guter Form was das MTB fahren angeht, die letzten 40 Kilometer liefen wie geschnitten Brot und es gab nur Vollgas.
Wieder am Bus hielt ich mich nicht mehr lange am Bostalsee auf. So malerisch sich der Morgen dort gezeigt hatte, so stressig war es jetzt dort. Menschenmassen und Trubel ohne Ende, welche mich zur Flucht veranlassten, um mir ein ruhigeres Plätzchen zu suchen. Dieses fand am Stausee von Nonnweiler, welches der Ausgangspunkt für meine Sonntagstour darstellte. Am Abend durfte ich noch ein Gewitter in meinem Bus erleben, was ich persönlich immer als sehr gemütlich und besonders empfinde. Gerade das Plätschern des Regens auf mein Dach, erzeugt bei mir immer ein Gefühl von Demut und Geborgenheit.
Die Tour am Sonntag startete direkt mit einem absoluten Highlight, dem keltischen Ringwall in der Nähe von Otzenhausen. Über diesen riesigen Steinwall, welcher vor über 2000 Jahren von den Kelten errichtet worden ist, habe ich schon zahlreiche Fotos gesehen und in einigen Blogs drüber gelesen. Ich bin auch alles andere als enttäuscht worden, was dieses Bauwerk betrifft. Wahnsinn was Menschen vor über 2000 Jahren schon imstande waren zu bauen, das völlig ohne Maschinen oder moderne Hilfsmittel. Was mich allerdings ein bisschen nachdenklich stimmte, war der Zweck dieses Bauwerks. Es diente der Verteidigung und der Abgrenzung. Da hat die Menschheit in über 2000 Jahren nicht wirklich viel dazu gelernt. Die meisten Dinge werden für die Verteidigung oder den Angriff erfunden. Vielleicht schaffen wir es eines Tages, einfach Dinge zu erschaffen oder zu erfinden, weil sie uns guttun und nicht aus irgendeiner Angst heraus.

Je länger ich auf meinem Fahrrad saß und die Tour sich dem Ende näherte, umso langsamer wurde ich und umso schwerer fiel mir das Treten in die Pedale. In mir breitet sich immer mehr Trauer und Wut aus. Dieses Traut-Gefühl stellt leider keine schöne Kombination dar und ist alles andere wie angenehm, mir aber sehr vertraut. Dabei war gerade wahrzunehmen was ich wirklich fühle, ein langer Prozess, gerade was die unangenehmen Gefühle angeht. Diese bilden oft ein undefinierbaren Zustand an Stimmung und Befindlichkeit. Dabei lohnt sich gerade bei diesen Gefühlen, genau hinzuschauen. Fühle ich mich wütend, bin ich traurig, schäume ich mich oder fühle ich mich irgendwie schuldig.
Heute fühlte ich eine Mischung aus Traurigkeit und Wut, weil es heute wieder nach Hause ging. Dieses löste sowohl den einen wie den anderen Zustand bei mir aus.
Denn wenn es nach mir ginge, könnte ich mit meinem Bus und dem Fahrrad immer so weiter ziehen. Die letzten Tage haben mir so gutgetan, mir mal wieder gezeigt was ich eigentlich möchte und schon immer wollte. Frei sein!

Klar weiß ich auch, dass will jeder und niemand ist wirklich frei. Es ist mir auch völlig klar, dass ich mit irgendetwas mein Geld verdienen muss und einfach so aussteigen nicht funktioniert. Auch wenn ich ein recht komplizierter facettenreicher Vogel bin, ein naiver Spinner bin ich nicht. Trotzdem sollte doch ein anderes Leben möglich sein?
Dieses ganze Thema spuckt mir schon sehr lange in meinem Kopf herum und ich versuche es irgendwie zu fokussieren, auf einen Nenner zu bringen oder noch besser zu einem Plan werden zu lassen. Den nur analysieren und lamentieren bringt mich nie zu einer Lösung.
Wahrscheinlich steckt dahinter viel von meinem ganzen Dilemma, was sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht. Und egal, ob es sich in Form einer Essstörung, selbstverletzenden Verhalten, Depressionen, Angst- & Panikattacken ausgewirkt hat, das eigentliche Problem war wahrscheinlich immer das Gleiche. Dass ich nicht wirklich sagen kann, ob ich jemals so gelebt oder das gemacht habe, was ich wirklich möchte. Dabei sei das wieso und warum es so gelaufen und vieles in meinem Leben so gekommen ist, jetzt mal dahingestellt. Klar gibt es dafür auch Gründe, dies ist aber eine andere Geschichte.
Den im Grunde genommen geht es einfach darum, im Kopf frei zu sein. Sich von den ganzen komischen Vorstellungen, welche vor allem von außen an einen herangetragen werden, zu befreien. Auch mal einiges infrage stellen, was einem so vorgelebt wird/wurde, wie man erzogen und aufgewachsen ist.
Das soll jetzt nicht heißen, das es schlecht oder nicht richtig war, nein. Es geht einzig alleine darum, ob es zu mir passt und etwas für mich war/ist.

Der Stausee Nonnweiler
Blick von der Staumauer Stausee Nonnweiler

Genau das war irgendwie immer der springende Punkt bei mir. Viele der üblichen Lebens- und Liebesmodelle passen irgendwie nie wirklich zu mir, zumindest nicht auf Dauer. Da bin ich mit vielem noch wirklich gut klargekommen oder habe meinen Platz darin gefunden. Das ist mittlerweile auch völlig okay für mich, ich habe so einiges akzeptiert und für mich eingesehen.
Wahrscheinlich hat es dafür die Ganzen von mir oben beschriebenen Krankheiten benötigt, um dies endlich einzusehen. Vor allem mich zu trauen dieses zu denken, war der schwerste, größte und entscheidende Schritt. Mich trauen im Kopf frei zu sein, auch mal andere Möglichkeiten zu durchdenken und zuzulassen.
Langer Rede kurzer Sinn, ich würde eigentlich sehr gerne mit meinem Leben etwas anderes anfangen. Freier, reduzierter und einfacher Leben. Die letzten neun Tage habe ich nämlich gar nichts vermisst, es war alles da, mir hat nichts gefehlt. Ganz im Gegenteil, so komplett habe ich mich lange nicht mehr gefühlt.
Vor allem möchte ich viel weniger arbeiten gehen, viel mehr Zeit für mich und meine Ideen haben. An einem Weg dieses auf die Reihe zu bekommen, muss ich arbeiten und mich mit beschäftigen. Leider haben im letzten Jahr, aus den unterschiedlichsten Gründen, ein paar meiner Ideen nicht funktioniert und es ist nichts daraus geworden. Die wären wahrscheinlich nicht die Lösung gewesen aber zumindest ein guter Anfang.

Zumindest haben mich die freien Tage wieder auf meinen Weg zurück gebracht und mir die Richtung gezeigt, auch wenn noch nicht die Lösung. Die wird aber ein Prozess sein, wie vieles was ich bis jetzt verändert und auf die Reihe bekommen habe.
Die letzten Wochen nicht zu wissen, wo ich stehe und wohl auch wer ich bin, war wohl auch der Grund warum ich mich so lost gefühlt habe. Wenn ich ganz ehrlich bin, war mir das auch vor meinem Urlaub schon klar aber es fehlte die Zeit und der Raum, um mich damit zu beschäftigen.
Ich wünsche euch einen guten Start in die neue Woche, meiner wird hart werden, dass weiß ich jetzt schon aber zumindest stimmt meine Richtung wieder!

„Es ist das, was du daraus machst“

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