Ablehnung oder das Absprechen von Kompetenzen! (Teil 1)

Sonntag: (05/06.02.2022)

An diesem Wochenende ging es nach Niederbieber, wo der RRC Neuwied die RTF Saisoneröffnung ausrichtete. Mit von der Partie war Patrick und ein Vereinskollege von ihm. Es war eine blöde Frage, die ich Patrick stellte, welche Tour wir fahren wollen. Hätte ich mir schon vorher denken können, natürlich die große Runde mit 156 km. Normalerweise völlig ok, bloß hatte ich die letzte Woche viel trainiert und schwere Beine.
Es lief trotz meiner Befürchtungen sehr gut. Wir hatten den ganzen Tag Kaiserwetter und angenehme Temperaturen. Am Morgen waren noch nicht einmal die Scheiben an meinem Bus vereist, zum ersten Mal in diesem Jahr!
Der Track war sehr schön gestaltet, auch wenn es immer Schleifen waren, weshalb wir viermal Teile des Wiedtals durchfahren mussten. Vor allem am Nachmittag, mit dem ganzen Verkehr, kein besonderes Vergnügen.
Die Anstiege, welche zum Teil durch ganz kleine Täler in die Höhen des Westerwalds führten, waren ein Traum.
Mein Highlight war die Durchfahrt durch Peterslahr. Es ging direkt neben dem Schrottplatz der Steel Buddies eine fiese Rampe hinauf, um direkt dahinter wieder in ein kleines Tälchen abzufahren.
Es war wieder mal ein toller Tag auf dem Fahrrad und es hat mir viel Spaß bereitet, nochmal mit vielen anderen Rennradfahrern unterwegs zu sein.

Nach der doch etwas schwierigen letzten Woche, wo mich eine bestimmte Sache doch sehr beschäftigt hat, war es Balsam für meine Seele. Im Nachhinein wurmt es mich ziemlich, dass mich das so aus der Bahn geworfen hat. Allerdings bin ich schon seit sehr langer Zeit, nicht mehr so auf meine Diagnose reduziert und über den “Borderlinekamm” geschoren gefühlt!
Gerade Ablehnung gegenüber meiner Diagnose habe ich fast immer nur in Zusammenhang mit Ärzten erfahren. Ich spreche hier explizit von meiner Diagnose und nicht meiner Person. Sicherlich hat mich das immer auch persönlich getroffen, war aber wohl nie persönlich gemeint.
Trotzdem habe ich ein paar sehr unschöne Erinnerungen an einen Besuch bei der Vertretung meines Hausarztes, einer Untersuchung beim Urologen, der Wundversorgung durch einen Chirurgen im Krankenhaus und auch bei Therapeuten & Psychologen. Ich bin aber auch vielen sehr netten und kompetenten Ärzten begegnet, was ich hier auch klarstellen möchte. Aber die oben genannten Erlebnisse sind doch sehr in meinem Kopf hängen geblieben und gerade der Besuch bei einem neuen Arzt, breitet mir doch im Vorfeld immer auch ein bisschen Bauchschmerzen.
In meinem privaten Umfeld oder im Zusammenhang mit Arbeitskollegen gibt es auch schon mal Unverständnis und Vorurteile. Redet man allerdings mit den Menschen, erklärt ein bisschen was über die Symptomatik, die Auslöser und was wirklich hinter einigen Verhaltensweisen steckt, treffe ich fast immer auf Interesse und Verständnis.
Allerdings “Profis” haben oft so ihre veraltete Lehrbuchmeinung und vielleicht auch schlechte Erfahrungen mit dieser Klientel gemacht.
Aber mal die ganze Geschichte von vorne. Ich hatte von einem Projekt gelesen, was ich äußerst spannend und unheimlich wichtig fand. Vor allem hätte ich mich sehr gerne daran beteiligt und eingebracht.
Es ging da um die ehrenamtliche Tätigkeit als Peer Berater. Diese Tätigkeit soll ein niedrigschwelliges Angebot von Betroffenen für Betroffene darstellen. In diesem Fall ging es um Depressionen. Dieses Model gibt es aber auch für viele andere Erkrankungen, sowohl psychisch wie physisch. Die Idee dahinter ist, dass sich ein Betroffener eher an jemand wendet oder nach Hilfe fragt, der von der gleichen Krankheit betroffen ist, anstatt sich direkt an einen Profi zu wenden. Denn diese Hürde, wie ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann, ist sehr hoch.

Im Wiedtal
Über die Höhen des Westerwalds

Die meisten Menschen wissen nicht, wo sie sich bei psychischen Problemen hinwenden können oder wie sie vorgehen sollen. Des Öfteren bekomme ich diesbezüglich Mails oder werde aus meinen Bekannten und Freundeskreis danach gefragt. Selbst bei meiner Arbeit kam es schon öfter vor, dass ich angesprochen wurde, sie hätten da sowas über mich gehört und wollten mal fragen. Sei es von den Betroffen selbst, besorgten Angehörige oder Freunden.
Hinzu kommt, dass psychische Probleme immer noch sehr mit Stigmatisierung verbunden sind, was Betroffene davon abhält, sich jemanden zu öffnen. Oft ist der Betroffene gar nicht in der Lage, sich Hilfe zu suchen, weil er so fertig mit sich und der Welt ist.
Ein Peer Berater soll auch nicht therapieren oder eine Diagnose erstellen. Es geht darum, Adressen zu vermitteln, vielleicht einen Termin zu vereinbaren oder einfach mal zuzuhören.
Vor allem ihm zu vermitteln, dass er mit seinen Problemen nicht alleine ist, dass es dafür Hilfe gibt und auch wieder ein anderes Leben möglich.
Langer Rede kurzer Sinn, ich fand das Projekt super und habe direkt eine E-Mail an den Verantwortlichen geschickt.
Eine Antwort ließ nicht lange auf sich warten, irgendwann kam es auch zu einer Telefonkonferenz und einem Kennenlernen. Dies verlief am Anfang auch sehr gut, da er ebenfalls ein begeisterter Radfahrer ist und er kannte sogar den Eifel Graveller. Danach stellte er mir das Projekt und die Ziele vor, wie es aufgebaut und strukturiert werden soll. Erwähnen möchte ich noch, dass eines der Ziele des Projektes ist, der Abbau von Stigmatisierung und Vorurteilen gegenüber Menschen mit einer psychischen Erkrankung. Nach diesem Gespräch sollte es noch ein Meeting mit einem Psychologen geben wird, der dann beurteilen soll, ob ich für diese Tätigkeit geeignet und stabil genug sei.
Danach war ich an der Reihe, mit vorstellen. Es ging zuerst so um das Übliche, wo ich wohne, meine Lebenssituation, beruflicher Werdegang und so weiter. Wie ich auf das Projekt aufmerksam geworden bin und warum ich mich gerne dort einbringen möchte.

Als Nächstes kamen wir dann auf meinen Krankheitsverlauf und meine Diagnosen zu sprechen. Dass dies ein heikler Punkt werden könnte, hatte ich mir vorher schon gedacht, da es bei dem Projekt primär um Depression gehen soll. Eine Diagnose, mit der ich schon oft in Berührung gekommen bin und gestellt bekommen habe. Wenn auch Borderline und die daraus resultierende Essstörung, immer meine Hauptdiagnosen dargestellt haben. Allerdings sind mir Depressionen, mit all ihren Facetten und Kriterien, leider mehr wie gut vertraut.
Nachdem ich meine Hauptdiagnose genannt habe, wurden bei meinem Gesprächspartner die Augen erst einmal größer und er schluckte. Ich konnte förmlich sehen, wie es im Kopf meines Gegenübers ratterte. Danach war das Gespräch gelaufen, so war mein Eindruck. Es wurde nochmal auf den Termin mit dem Psychologen verwiesen und dass dieser entscheiden müsste, ob und wie weit ich mich an dem Projekt beteiligen kann und so weiter. Auch wenn es sich das jetzt wie eine selbsterfüllende Prophezeiung anhört, ich hatte kein gutes Gefühl in Bezug auf das anstehende Gespräch mit dem Psychologen und dem Mitwirken meiner Person an diesem Projekt.
Bevor ich zu dem Gespräch mit dem Psychologen komme, mal ein paar Informationen zu einer Borderline Diagnose. Borderline ist eigentlich nicht die richtige Bezeichnung für diese Erkrankung. Der eigentliche Ausdruck lautet emotional instabile Persönlichkeitsstörung. Allerdings finde ich persönlich diese Bezeichnung ganz schlimm und benutze lieber Borderline. Um diese Diagnose zu erhalten, gibt es neun Kriterien. Werden davon fünf erfüllt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, von dieser psychischen Krankheit betroffen zu sein. Wobei es oft eines Klinikaufenthaltes oder einer längeren Beobachtung bedarf, um diese Diagnose zu stellen.
Worauf ich eigentlich hinaus möchte, selbst wenn ich einen ganz schlechten Tag oder eine etwas längere Phase habe, wo es mir emotional nicht gut geht, erfülle ich mittlerweile vielleicht drei der Kriterien für eine Borderline-Störung. Aber hier streiten sich die Gelehrten, ist Borderline überhaupt heilbar oder bin ich geheilt, wenn ich die Kriterien nicht mehr erfülle. Eine Frage, die selbst mir schwerfällt, sie zu beantworten. Völlig geheilt, glaube ich, gibt es nicht. Dafür ist, wie der Name der Krankheit es schon verrät, zu viel der eigenen Persönlichkeit mit im Spiel. Aber es ist möglich, sehr gut, symptomfrei und stabil damit zu leben. Klar, gibt es immer mal wieder Krisen, schwierige Momente und so weiter. Diese erlebt allerdings jeder, muss diese meistern und damit umgehen.
Wobei jemand der eine Therapie absolviert hat, vielleicht sogar eine Borderline spezifische, wie DBT, sehr viel Handwerkszeug, Skills und Kompetenzen an die Hand bekommen hat, um genau das hinzubekommen. Oft sogar wesentlich besser mit Krisen und Veränderungen zurechtkommen, wie viele Menschen ohne Therapie.

Aber diese Gedanken nur mal so am Rande und zurück zu meiner eigentlichen Geschichte.
Eine Woche später fand dann das Gespräch mit dem Psychologen statt, wieder per Teams und online. Dieses gefiel mir von Anfang an nicht besonders gut. Außer seinem Namen und dass er Psychologe ist, stellte sich mein Gegenüber gar nicht vor. Weder zu welcher Abteilung er gehört, noch seinen Werdegang oder berufliche Erfahrung. Ok, dachte ich, es soll ja um meine Person gehen. Es ging dann 5 Minuten um meinen familiären Hintergrund, Wohnort und meine berufliche Tätigkeit, bevor es zu dem Knackpunktthema ging. Das Gespräch, wenn ich die anfängliche Einführungsrunde zu dritt noch abziehe, hatte insgesamt höchstens eine Dauer von 25 Minuten. Sich in dieser Zeit ein Bild von einem Menschen zu machen, der einem völlig unbekannt ist und diesen dann direkt zu beurteilen, ich will es mal sportlich nennen.
Dabei stellte der Psychologe die ganze Zeit so “Halb Fragen”, welche direkt auch eine Art Feststellung enthielten. Fragen zu denen man nur nicken oder diese bestätigen kann. Diese waren auch völlig harmlos und nicht sonderlich kompliziert.
Allerdings war mir bei jeder Frage völlig klar, worauf er hinaus will und was da abgefragt werden soll. Ich habe bestimmt schon 500 Seiten mit psychologischen Fragen und Test ausgefüllt. Zudem unzählige Erstgespräche bei Ärzten und Therapeuten geführt.
Mir war auch während des Gesprächs schon völlig klar, was ich für ein Bild abgebe:
Dass ich alleine wohne, also keine feste Beziehung habe und dadurch familiär in keine feste Struktur eingebunden bin. Als ehemaliger Essgestörter “Extremsport” betreibe, dadurch sehr viel unterwegs bin und nicht gerade dick aussehe. Ein Mensch bin, der gerne alleine ist und sich nicht gerne unter vielen Menschen befindet. Der zudem fünf Klinikaufenthalte hinter sich hat, wovon der letzte gerade mal drei Jahre her ist. Auch bei den Punkten, dass ich immer noch zur Therapie gehe und Antidepressiva nehme, von denen hatte ich nicht das Gefühl, dass diese auf meine Habenseite flossen. Ich konnte auch nicht verneinen, dass ich ab und an, schwierige Tage habe und auch mal mit mir am struggeln bin.
Klar, habe ich den einen oder anderen Einwand gebracht oder versucht die Perspektive anders zu setzen. Dass der Sport und die Events sehr viel mit sozialem Kontakt bei mir verbunden sind und zu meiner Stabilität beitragen. In meinen Therapiesitzungen, gerade nach meinem Radfahren, im Zusammenhang mit meiner Essstörung, genau geschaut wird, ob es ok ist. Dass ich damit nichts kompensiere oder in einer Sportbulimie rutsche. Dass ich seit meinem letzten Klinikaufenthalt und vor allem meinen Jobwechsel völlig stabil bin und mein Leben recht gut auf die Reihe bekomme.
Auf der anderen Seite erzählt jeder Exsüchtige, er hat alles im Griff und keine Probleme. So in der Richtung werde ich mich vielleicht auch angehört haben?
Allerdings hört man auch oft das, was man hören möchte oder seinem Kriterienkatalog entspricht. Für mein Empfinden stand das Ergebnis von vorneherein fest, meine Borderline Diagnose war ein Ausschlusskriterium und deshalb bin ich für die Tätigkeit nicht geeignet.
Das Ganze wurde am Ende des Gesprächs dann so verpackt, dass ich ja genug eigene Baustellen und Päckchen zu tragen hätte und noch ein Projekt nicht wirklich brauchen würde. Es wäre toll, wie ich mich entwickelt hätte und absolut nicht selbstverständlich, so gut mit diesen ganzen Diagnosen zu leben. Das man dies durch so ein Projekt auch nicht gefährden dürfte und so weiter. Er hat auch dreimal gefragt ob das für mich so in Ordnung sei, weil er schon gemerkt hat, dass ich mit dem Ergebnis nicht einverstanden war und es mich getroffen hat.
Allerdings empfand ich die Präsentation des Ergebnisses schon sehr von oben herab und so ein bisschen gönnerhaft. Er ist der Profi, weiß Bescheid, hat alles geblickt und eine Entscheidung getroffen. Das Ganze noch mit einem Kopftätscheln verpackt und jetzt ist die Audienz beendet.
Vor allem hat er sehr betont, dass ich mich nicht abgewiesen oder abgelehnt fühlen soll und auch danach gefragt. Voll nett und mitfühlend könnte man jetzt denken? Allerdings ist genau das eine ganz große Schwachstelle bei Borderlinern, von der ich mich auch nicht freisprechen kann. Ich fühle mich schnell angelehnt oder nennen wir es besser, nicht gut genug. Auch noch explizit und mehrmals danach zu fragen, fand ich richtig stigmatisierend.
Im ersten Moment habe ich mich auch abgelehnt gefühlt und später kamen auch meine Gedanken, du warst halt mal wieder nicht gut genug für etwas und so weiter.

Dabei ging es gar nicht um Ablehnung oder dass ich nicht gut genug bin, sondern mir sind meine Kompetenzen und Fähigkeiten abgesprochen worden, wie ich später für mich herausfand. Das hat mich wütend und traurig gemacht!
Gerade in der Verhaltenstherapie geht es für mein Verständnis ganz viel darum, nach seinen Ressourcen und Fähigkeiten zu schauen. Diese erst einmal herauszuarbeiten, sie dann zu fördern und zu stärken. Denn die hat jeder Mensch! Oft müssen sie auch mühsam erlernt und lange trainiert werden. Gerade mit Enttäuschung umzugehen, nicht mit den alten Mustern darauf zu reagieren ist ein super Beispiel dafür.
Auch meine Selbsteinschätzung wurde mir völlig abgesprochen und da finde ich, bin ich sehr reflektiert. Ehrlich gesagt empfinde ich mich auch geeignet für diese Tätigkeit und ihr gewachsen. Dieses werde ich auf jeden Fall in meiner nächsten Therapiesitzung zum Thema machen und meinen Arzt danach fragen. Dieser kennt mich 15 Jahre und kann es wohl besser beurteilen kann, wie ein wildfremder Psychologe nach 25 Minuten Gespräch.
Egal wie mein Therapeut es beurteilt oder sieht, ich habe auf jeden Fall wieder viel über mich gelernt. Vielleicht werde ich nach dem Gespräch mit meinem Therapeuten auch ein paar Annahmen, welche ich über mich habe, überdenken oder neu sortieren müssen?
Selbst wenn, dem so wäre, damit kann ich leben, vor allem kann ich damit und daran arbeiten. Was für mich aber gar nicht geht, dass ich noch nicht einmal eine Chance bekommen habe. Ich kann verstehen, dass man mir zu anfangs nicht „traut“ oder skeptisch ist, was meine Person angeht. Wäre ich auch, wenn ich so in mein Palmares schaue. Allerdings eine Chance oder eine Probezeit hätte ich auf jeden Fall verdient gehabt.
Das Projekt Peer Berater finde ich immer noch sehr gut, äußerst wichtig und hoffe es wird ein Erfolg. Dass ich mich daran nicht beteiligen darf, finde ich sehr schade, werde ich allerdings akzeptieren.
Mit einem hatte der Psychologe allerdings recht, ich habe genug eigene Projekte und auf die werde ich mich jetzt konzentrieren. Dies habe ich in der letzten Woche auch direkt getan. Meinen Urlaub eingereicht, den Antrag auf Freizeit aus meinem Langzeitkonto gestellt und meine Ausrüstung komplettiert. Meinem bisher größten Projekt und Fahrradabenteuer „Pizza, Pasta, Gelati und Amore“ steht eigentlich nichts mehr im Wege. Wobei es sich für bei diesem Projekt, eher um das Ziel einer langen Reise handelt. Aber dazu ein anderes Mal mehr!

„Es ist das, was du daraus machst“

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