Erkenntnisse auf dem höchsten Punkt der Eifel!

Mittwoch bis Samstag: (02.10.2021)

Nachdem es an den letzten Wochenenden immer Events und Rennen auf meinem Terminkalender gestanden hatten, verbrachte ich dieses nach länger Zeit mal wieder nur mit mir alleine.
Am Freitag, nachdem ich mit dem Bus gestartet war, fühlte es sich zuerst ein wenig komisch an und ich mich ein wenig lost. Dies lag wahrscheinlich auch ein bisschen am Wetter, welches doch schon sehr herbstlich geworden ist.
Der Hauptgrund lag aber wohl darin, dass ich die letzten Wochenenden sehr genossen habe, da ich mich völlig in meiner Bubble bewegt habe. Mit so vielen Menschen zusammen gekommen bin, die das Thema Fahrrad genauso so lieben wie ich, dafür den größten Teil ihrer Freizeit aufwenden und es ein großes Stück Lebenseinstellung bedeutet. Vor allem hatten die ganzen Events, wie fast alles in meinem Leben, eine unheimliche Range. Da war von Marathon Rennen über chilligen Gravelevent bis Ultracycling Bikepacking alles dabei. Wie so oft sind Schubladen nicht so wirklich mein Ding, sondern eher der Kessel buntes, welcher leider schon mal ganz schön schwarz/weiß ausfallen kann.

Mein Ziel dieses Wochenende war die Hohe Acht und der Nürburgring. In meinem Kopf spuckt schon seit längerem ein neues Projekt herum, welches ich in diesem Winter verwirklichen möchte. Des Öfteren werde ich nach Tracks für Tagestouren gefragt und genau davon möchte ich ein paar entwickeln. Dazu habe ich natürlich schon ein paar ganz konkrete Trackideen, vor allem weil sie immer ein Stück vom Wegenetz des Eifel Gravellers enthalten sollen oder sich sogar aus Schleifen von diesem zusammen setzen. Das Ganze läuft zurzeit noch unter dem Arbeitstitel „Eifel Sweetherarts”. Die Tracks sollen sich so von 70 bis 100 Kilometer bewegen, sodass sie für nicht so fitte Fahrer*innen eine herausfordernde Tagestour darstellen und für den Rest eine schnelle, knackige Trainingsrunde. Vielleicht werde ich ähnlich wie bei Climb the/all Eifeltowers eine Bestenliste erstellen, wo sich jeder eintragen kann, wer Lust hat.

Wie so oft, an Ideen mangelt es mir nicht, das Problem besteht eher darin diese zu fokussieren und mich nicht in den Details zu verlieren. Wobei priorisieren und mich auf eine Sache zu konzentrieren gelingt mir mittlerweile sehr gut und habe ich gelernt. Dass ich nicht auf jeder Hochzeit tanzen kann, mich nicht für alles interessieren und mich mit beschäftigen kann, war ein langer Prozess der Erkenntnis. Vor allem, wenn ich bedenke, dass es auch Zeiten in meinem Leben gibt, wo ich einfach froh bin, die Basics auf die Reihe zu bekommen, ohne irgendwelche Extravaganzen. Wo Dinge wie arbeiten gehen, einkaufen, meine Wohnung und einigermaßen gut mir umgehen, mich eine solche Kraft und Energie kosten, dass an „Selbstverwirklichung“ überhaupt nicht zu denken ist. Dabei gehören diese depressiven Episoden genauso zu meinem Leben und meiner Person, wie meine kreativen Phasen und die vielen Ideen. Dies zu akzeptieren, einzusehen und auch anzunehmen, war vielleicht der Schlüssel, mehr in Frieden mit mir zu leben, mir Dinge verzeihen zu können und mich anzunehmen.

Vieles davon wurde mir an diesem Wochenende sehr vor Augen geführt und dadurch wieder bewusst. Denn ehrlich gesagt stand mir der Kopf nicht sehr nach alleine sein und auch nicht nach Fahrradfahren. Die letzten Wochenenden, so schön und erfüllend sie auch waren, körperlich gesehen waren sie hammerhart und bin ich ziemlich platt. Gerade mir körperliche Schwäche einzugestehen, ist alles andere wie einfach für mich. Habe ich doch jahrelang versucht meinen Körper durch die Essstörung zu kontrollieren, ihn am besten gar nicht wahrzunehmen und durch meinen Kopf zu bestimmen.
Diesen „Kampf“ zwischen dem, was mein Kopf mir sagt und was mir mein Körper mitteilen möchte, ist immer noch recht heftig und die Kompromissfindung nicht immer einfach. Noch viel zu oft sind da solche Gedanken wie ich darf nicht faul sein, ich muss etwas leisten, damit ich eine Berechtigung auf Anerkennung und Zuwendung habe. Dass ich sonst fett werde, die Kontrolle verliere und nichts wert bin.
Diese ganz typischen Gedankenspiralen, womit sich Essgestörte den ganzen Tag mit auseinandersetzen und die ihr Leben bestimmen.
Dementsprechend schwerfiel es mir gestern auch mit meinem Fahrrad aufzubrechen, obwohl ich mir eine tolle Runde zusammengestellt hat. Auch das Wetter war nicht gerade einladend, da es neblig, kalt und nass war. Dabei sind es oft gerade diese äußeren Bedingungen, welche dazu beitragen, dass es besonders wird! Je mehr ich meine Komfortzone hinter mir lasse und meinen inneren Schweinehund überwinde, desto intensiver und erfüllender wird das Erlebnis.
Es ist allerdings auch ein schmaler Grat zur “Selbstverletzung”, nicht auf seine innere Stimme zu hören und etwas zu tun, was ich eigentlich gar nicht möchte. Wobei diese Grenze auch sehr Tagesform- und Stimmungsabhängig ist, was sie für mich nicht einfacher macht, da ich auf klare Strukturen und feste Bezugsgrößen stehe.
Dadurch das alle Events gefahren sind und nichts mehr groß ansteht, ist auch die Motivation nicht mehr so vorhanden zum Trainieren. Auf ein Ziel hinzutrainieren finde ich wesentlich einfacher, wie nur für den Spaß durch die Gegend zu cruisen. Wobei es auch mal schön ist, wenn nichts ansteht und ich einfach in den Tag hineinfahre!
Und gestern, ich muss es ganz klar sagen, war die Tour pure Quälerei, zumindest was das Körperliche betraf. Landschaftlich und vom Naturerlebnis war sie grandios. So schlechte Beine wie gestern hatte ich das ganze Jahr noch nicht. Vor allem die letzten beiden Anstiege, stand ich kurz davor, mein Fahrrad einfach zu schieben. Im Gegensatz zu früher habe ich mich dafür aber nicht fertig gemacht oder abgewertet. Versucht noch härter zu meinem Körper zu sein, damit er die von mir befohlene Leistung erbringt.
Ehrlich gesagt musste ich zwischendurch oft grinsen und auch mal lachen, wie ich mich so den Berg hochquäle und was ich dabei für eine schlechte Figur abgebe. Wie ich jede Möglichkeit für ein Foto genutzt habe, um eine Pause einzulegen.
Selbsterkenntnis und schonungslose Ehrlichkeit gegenüber sich selbst kann sehr erfrischend sein und viele Erkenntnisse liefern.
Endlich wieder am Bus angekommen, habe ich mir erst einmal zwei Milchkaffees und zwei Stücke Puddingstreusel gegönnt. Dies wäre früher, nach einer solch schlechten Leistung, undenkbar für mich gewesen. Da hätte ich mich wohl eher bestraft.
Heute ist es aber genau das Richtige, wobei es weniger um Wunden lecken und trösten ging, sondern viel mehr um Belohnung. Belohnung dafür, wo ich mittlerweile stehe, dass ich trotz Fehler gut mit mir umgehe, ich mich entwickelt und viel verstanden habe. Dass nicht nur Leistung meine Person ausmacht, was ich darstelle oder vorgebe zu sein. Sondern dass es oft ganz schön gut und in Ordnung ist, so wie ich bin!

„Es ist das, was du daraus machst“

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