„Die Idee war gut, doch die Welt noch nicht bereit!“

Samstag: (28.08.2021)

Wie beschreibt es Tocotronic so schön in einem ihrer Songs: „Die Idee war gut, doch die Welt noch nicht bereit!“ Damit ließe sich meine gestrige Tour kurz und knapp zusammenfassen.
Mein Plan war es den Track des Stoneman Arduenna an einem Tag zu befahren, zumindest den oberen Kreis, welcher zum Signal de Botronge führt. Gesamt wären es etwa 175 km und 3500 hm gewesen. Eine richtig harte aber durchaus lösbare Aufgabe, allerdings nicht am gestrigen Tag, um dem ganzen hier direkt die Spannung zu nehmen. Dabei hatte ich die Sache generalstabsmäßig vorbereitet. Am Abend vorher mein Fahrrad startklar gemacht und meinen ganzen Kram zusammengepackt, welchen ich so über den Tag benötigen würde. Es mir früh in meinem Bus gemütlich gemacht, damit ich pünktlich aus den Federn komme. Um 5:30 klingelte dann der Wecker und ich saß um 6:00 Uhr auf meinem Mountainbike. Das schaffe ich sonst unmöglich vor 8:00 Uhr. Heute dämmerte mir zu dieser Uhrzeit allerdings schon, dass es an diesem Tag aus einer Goldtour auf dem Stoneman Arduenna nichts wird. Auf den Trails war einfach kein vorankommen möglich, da diese völlig matschig und rutschig wie Schmierseife waren. Vor allem über die ganzen Wurzeln und nassen Steine hieß es so vorsichtig drüber fahren, wie über rohe Eier. Zum Teil habe ich geschoben, weil mir die eine oder andere Abfahrt zu gefährlich war. Vor einem Jahr bin ich mit meinem Gravelbike und Gepäck diese Stellen alle runtergefahren.

Außerdem gab es immer mal wieder kurze Regenschauer, welche sich nach 2 Stunden in einen Dauerschauer verwandelt hatten, bei Temperaturen um die 10 Grad. Da wurde sogar mir klar, das wird heute nichts. Ich war noch nicht einmal groß enttäuscht, was ich früher garantiert gewesen wäre, b.z.w. ich hätte sehr mit mir gehadert und mich wohl ziemlich abgewertet.
Gestern war ich froh, nachdem ich mich entschieden hatte, beim Garmin, zurück zum Start auf kürzestem Weg einzustellen. Am Bus gab es erst einmal einen Milchkaffee, ich konnte die tropfnassen Klamotten ausziehen und in Ruhe das Wetterradar studieren. So ganz wollte ich mich dann doch nicht geschlagen geben und wenigstens noch die kleine Runde zum Europa Monument fahren. Der Stoneman Arduenna ist vom Track her wie eine Acht aufgebaut, wodurch sich eine größere und eine kleinere Runde ergibt.

Der Vennbahn Radweg

Mit neuen und vor allem trockenen Klamotten setzte ich mich dann wieder auf mein Mountainbike und machte mich auf den Weg zum Schnittpunkt der beiden Kreise, um dort die Schleife zu beginnen. Leider hatte ich bei dem ganzen Umziehen und Umpacken, sowohl meine Regen-, wie auch meine Windjacke im Bus vergessen, dies sollte sich später noch bitterlich rächen. Denn kurz nach dem Europa Monument fing es wieder an zu regnen und es sollte für Stunden nicht aufhören. An einer Hütte, in der ich schon mal übernachtet hatte, stellte ich mich unter und legte einen kleinen Mittagsschlaf ein. Laut Wetterradar sollte gegen 15 Uhr der Regen durch sein, was aber leider nicht der Realität entsprach.
Da hieß es alles anziehen, was ich dabei hatte und losfahren. Auch meine Regenjacke hätte mir auf meinem Rückweg nicht viel gebracht, es wurde echt übel.
Der Spruch: „Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur falsche Kleidung“, ist absoluter Quatsch. Der kommt meist von Menschen, die noch nie drei Stunden durch strömenden Regen gefahren und meistens die größten Warmduscher sind. Wenn es regnet kannst, du beim Fahrradfahren anziehen, was du willst, du wirst nass bis auf die Knochen und ohne Sonnenschein nie wieder trocken. Das Einzige wonach du schauen kannst, ist das du nicht auskühlst, denn sonst ist der Ofen ganz schnell aus und du fährst keinen Meter mehr. Aber egal wie man es dreht und wendet, es gibt nichts Ätzenderes wie im Regen Fahrrad zu fahren!

Selten war ich so froh, an meinem Bus angekommen zu sein wie gestern. Erst mal den kleinen Gasofen angestellt und mich aus den nassen Klamotten geschält, bevor ich mich mit Kuchen und Milchkaffee getröstet habe.
Die Sache war ich allerdings selber Schuld. Wieso kann ich nicht einfach mit meinem Arsch im Bus bleiben und steige auf mein Fahrrad? Warum bin ich immer so ein getriebener Mensch? Geht es darum, mir etwas zu beweisen, mich zu fordern und meine Grenzen zu suchen? Habe ich Angst etwas zu verpassen oder nicht gerecht zu werden?
Vor allem geschieht dies aus einer positiven oder negativen Motivation heraus? Denn dies ist die entscheidende Frage!
Wahrscheinlich liegt wie so oft, die Antwort irgendwo in der Mitte, welche immer so schwammig und nicht wirklich zu greifen ist für mich.
Was ich allerdings genau weiß, ist das mir dieses Novemberwetter im August psychisch richtig zusetzt. Bei diesen Temperaturen und dem ständigen Regen, emotional auf einen grünen Zweig zu kommen ist echt schwer. Zumal in dieser Woche mein Körpergefühl echt grässlich und stellenweise nur schwer zu ertragen war. Dies lag an dem vielen Fahrradfahren in meinem Urlaub. Dort habe ich so viele Kalorien verbrannt, wie andere Menschen in zwei Monaten. Zudem habe ich wesentlich mehr gegessen, um das Kaloriendefizit wieder aufzufangen. Auch viele „ungesunde“ Lebensmittel und Dinge, welche früher ganz oben auf der schwarzen Liste standen, kamen in meinem Speiseplan vor.

Der Bitburger Stausee

Dann wieder auf Alltag umstellen, ist gerade für den Kopf nicht einfach, da jede kleine Veränderung was meinen Körper angeht, sofort registriert wird. Aber auch hier gilt, du darfst nicht alles glauben, was du denkst!
Diese Körperschemastörung, unter der fast alle Essgestörten leiden, bin ich nie ganz los geworden. Bei dieser verzerrten Wahrnehmung des Körpers findet der Betroffene seinen Körper viel zu dick, gar fett, obwohl er völlig dünn ist. Gegen dieses Merkmal einer Essstörung gibt es extra die sogenannte Körperbildtherapie, wo versucht wird, dem Betroffenen die richtigen Dimensionen seines Körpers vor Augen zu führen. Dies wird durch verschiedenste „Spielchen“ erreicht, wo es gilt, seine Ausmaße einzuschätzen und diese dann mit der Realität verglichen werden.
So ähnlich mache ich das heute noch oft, wenn mir dafür wieder mal die Einschätzung abhandengekommen ist und ich meine abnehmen zu müssen, weil ich zu dick bin. Wobei das Ganze nicht in Messen oder Zahlen ausarten darf, in Form von wiegen oder irgendwelche Umfänge bestimmen. Das würde mich völlig triggern und könnte der Beginn eines Rückfalls sein, da gerade die Zahl auf der Waage früher völlig bestimmend in meinem Leben war.

Allerdings Fotos sind ein Recht gute Hilfe für mich, dadurch kann ich ziemlich realistisch einschätzen, was meine Ausmaße angeht. Auch meine Klamotten sind immer ein guter Anhaltspunkt, gerade meine Hosen, durch die weiß ich immer genau was Phase ist.
Wobei schwierig bleibt dieses Thema wohl immer bei mir und verschwinden wird die Essstörung wohl nie wieder ganz aus meinem Kopf. Allerdings soll der Teil, den sie dort einnimmt, so klein und gesund wie möglich sein, auch wenn dies oft Kampf und Arbeit bedeutet. Denn die Alternative wäre zurück in Krankheit, was ich absolut nicht mehr möchte, dieses Leben wäre viel schlimmer und der Kampf noch wesentlich größer.

„Es ist das, was du daraus machst“

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